Antarktis: Der weiße Kontinent am Ende der Welt

Die Antark­tis — Der wilde, ein­same, unmen­schliche Kon­ti­nent aus ewigem Eis, der oft vergessen wird. Dabei ist diese drama­tis­che Eiswüste voller Leben: Riesige Wale, die sich aus dem von Eis­ber­gen gespick­ten Meer erheben, süße Pin­guine, die neugierig durch die Gegend watscheln, gäh­nende Robben, die faul am Strand herum­liegen und majestätis­che Alba­trosse, die durch die Lüfte segeln. Ein­er der faszinieren­sten Orte an dem wir je waren! Das Licht ist magisch, die Stim­mung immer wun­der­schön — egal ob im Schnee oder im Son­nen­schein. Es ist Zeit diesen einzi­gar­ti­gen Kon­ti­nent ken­nen­zuler­nen.

Heute geht es in die Antark­tis. Wir sind ordentlich aufgeregt, denn als wäre unsere Reise an sich nicht schon spek­takulär genug, reisen wir nun an einen der spek­takulärsten Orte auf dieser Welt — das ewige Eis der Antark­tis, wo die Pin­guine leben.

Die Reise zum Ende der Welt

Unsere Reise zum siebten Kon­ti­nent begin­nt in Ushua­ia, eine Stadt, die für sich behauptet „Das Ende der Welt“ zu sein. Aber natür­lich ist das nicht wahr. Es wird das umge­baute rus­sis­che Forschungss­chiff, die Akademie Ioffe, sein, das uns zum echt­en Ende der Welt bringt. Wir tre­f­fen in einem Hotel in der Stadt auf die anderen Teil­nehmer der Expe­di­tion und Per­son­al von “One Ocean Expe­di­tions”. Unsere Dat­en wer­den aufgenom­men, unsere Pässe ein­genom­men und dann fahren wir mit dem Bus zum Hafen. Unser Gepäck wartet schon in unser­er gemütlichen Zwei-Bett-Kabine mit Aus­sicht, die die näch­sten zehn Tage unser Zuhause sein wird. Wann haben wir eigentlich das let­zte soviel Zeit am Stück an einem Ort geschlafen? Beim Able­gen gehen wir auf das Deck und beobacht­en wie die Berge hin­ter Ushua­ia immer klein­er wer­den.

Die Ioffe steuert durch den Bea­gle Kana, wo wir den ein oder anderen Mag­el­lan­pin­guin durch das Wass­er schwim­men sehen kön­nen. Es gibt Aben­dessen: Vor­speise, Haupt­gang und Dessert, so lux­oriös haben wir schon lange nicht mehr gegessen. Nach dem Essen gehen wir ins Fit­nessstu­dio des Schiffs. Es soll das let­zte Mal sein, dass wir es benutzen, denn die näch­sten Tage wird es schauke­lig, danach ist unser Pro­gramm so gut aus­ge­füllt, dass uns am Abend nicht mehr der Sinn nach Sport ste­ht.

Außer der rus­sis­chen Besatzung ver­wen­det nor­maler­weise kaum jemand den kleinen Fit­ness­raum. Diese Reise ist aber anders, der Alters­durch­schnitt ist jünger als je zuvor. Dann geht es ins Bettchen. Das Schiff schwankt ganz schön und es ist schw­er einzuschlafen. Die Ioffe ver­lässt in der Nacht den Schutz des Bea­gle-Kanals uns und trifft auf den offe­nen Ozean der berüchtigten Drake Pas­sage. Nun wis­sen wir, warum die Möbel auf dem Schiff Boden fest­geschraubt sind.

Hier im Südlichen Ozean umkreisen Wind und Wellen die Welt ohne Land, das ihre Kraft brechen kön­nte, und machen diese 500 Meilen Meer­wass­er zu den stür­mis­chsten Meeren der Welt. Trotz allem erleben wir die gefürchtete „Drake Shake“ nicht und die See bleibt für diese Ver­hält­nisse hier mild. Das Geschaukel schlägt uns trotz­dem auf den Magen. Ich werde das erste Mal in meinem Leben seekrank. Glück­licher­weise hat die hol­ländis­che Ärztin Annick Tablet­ten für mich.

Die Brücke ist für uns zugänglich und wir kön­nen auf das unruhige Wass­er hin­aus­blick­en. Der rus­sis­che Kapitän ste­ht mit unbe­weglich­er Miene am Steuer und star­rt aufs Meer hin­aus während wir den ein oder anderen Pin­guin sprin­gen sehen, Wal­fontä­nen in der Ferne aus­machen oder die ersten Eis­berge sicht­en. Wir sind zwar einige hun­dert Kilo­me­ter von der Küste ent­fer­nt, aber die Tiere schwim­men bei der Nahrungssuche weit in den Ozean hin­aus.

Während wir durch die Drake Pas­sage fahren, wer­den wir mit Präsen­ta­tio­nen, Filme und Brief­in­gs unter­hal­ten. Es geht um Wale, Pin­guine, die antark­tis­chen Verträge zwis­chen den 50 Staat­en, die die Antark­tis für wis­senschaftliche Zwecke nutzen und Eis. Die Brief­in­gs klären uns über die Sicher­heits­be­din­gun­gen bei den Exkur­sio­nen an Land und den Zodi­ac-Touren auf. Weit­er geht es darum die beste­hende Flo­ra und Fau­na zu schützen und Abstand zu den Tieren zu hal­ten. Wir müssen auch unsere Sachen, die wir bei den Landgän­gen tra­gen, saugen um zu ver­hin­dern, dass fremde Samen oder Pflanzen in die Antark­tis eingeschleppt wer­den.

Ein Film zeigt uns die unglaubliche Arbeit von Ron Naveen, dem Pin­guinzäh­ler. Er und sein Team zählen seit über 20 Jahren aber­tausende Pin­guine hier am Ende der Welt. Wie kommt man dazu Pin­guine manuell an einem der rausten, stür­mis­chsten und käl­testen Orte der Welt zu zählen? Sie find­en damit her­aus welchen Ein­fluss der Kli­mawan­del auf die Pin­guin­pop­u­la­tion hat. Eine der drei Pin­guinarten, die sie erforschen, hat sich gut an die Kli­maer­wär­mung angepasst, während die anderen zwei Pop­u­la­tio­nen drastisch zurück­ge­hen. Ron Naveen und die Filmemach­er sind selb­st an Bord, da aktuell eine antark­tis­che Kon­ferenz auf unserem Boot stat­tfind­et, weshalb sich viele Wis­senschaftler zwis­chen uns tum­meln.

Zwis­chen Essen und Erkun­den unseres schwim­menden Zuhaus­es für die näch­sten Tage, ler­nen wir unsere Schiff­skam­er­aden ken­nen. Es sind rel­a­tiv wenig Pas­sagiere an Board, knapp 100. Es liegt ein Sum­men in der Luft, jed­er ist aufgeregt auf das was da kom­men soll. Auf unser­er Reise gibt es keinen demographis­chen Durch­schnitt. Von Jugendlichen im Urlaub mit ihren Eltern über aben­teuer­suchende Back­pack­er bis zu uner­schrock­e­nen Senioren. Viele Jour­nal­is­ten und Wis­senschaftler sind an Bord um über die antark­tis­che Kon­ferenz zu bericht­en.

Da sind zwei junge Back­pack­erin­nen aus den Nieder­lan­den, die ger­ade Südameri­ka per Couch­surf­ing bereisen. Ein Blog­ger­paar, die schon seit drei Jahren auf Südamerikareise sind und sich mit ihrem Blog finanzieren. Vater und Sohn aus Eng­land, stein­re­iche Besitzer ein­er Aufzugs­fir­ma, die ihr Auto nach Deutsch­land importieren lassen um dort auf dem Nür­bur­gring fahren zu kön­nen, dabei aber wahnsin­nig sym­pa­thisch, boden­ständig und begeis­terungs­fähig sind. Eine neuseeländis­che Fam­i­lie, deren Tochter auf dem Schiff arbeit­et. Ein englis­ch­er Jour­nal­ist, der sich an Bord in eine Amerikaner­in ver­liebt. Ein ecuado­ri­an­is­ch­er Fotograf von AFP, der das größte Teleob­jek­tiv dabei hat, das ich je gese­hen habe.

Jed­er Kon­ti­nent ist vertreten. Außer uns sind zwei vom Schiff­steam deutsche — eine Pin­guin­forscherin und ein bayrisch­er Touris­mu­s­ex­perte, bei­de leben allerd­ings im Aus­land. Auch das Schiff­steam ist ein bunter Haufen aus aller Her­ren Län­der mit unter­schiedlich­sten Hin­ter­grün­den. Die Expe­di­tion­slei­t­erin Cheryl war erfol­gre­iche Anwältin bevor sie beschlossen hat 16 Monate lang Aus­tralien zu erkun­den und eine Out­doorkar­riere anzus­treben. Der Jüng­ste vom Team ist ein 22-jähriger Kanadier, der Geologe ist. Während wir alle unter­schiedlich sind, verbindet uns doch der Sinn für Aben­teuer und die Schön­heit der Natur.

Nach zwei Tagen auf offen­em Meer wachen wir auf und sehen Eis­berge an unserem Zim­mer­fen­ster vor­bei treiben. Wir sind an der Antark­tis­chen Hal­binsel angekom­men.

Ankunft in der Antarktis

Die Land­schaft hier ist drama­tisch, extrem und wun­der­schön. Die Hal­binsel ist eine Ver­längerung der Anden und hohe Gipfel erstreck­en sich von der Küste in den Him­mel. Steile Klip­pen stürzen in das Meer, Gletsch­er hän­gen auf Berghän­gen und tafelför­mige Eis­berge in Haus­größe treiben vor­bei.

Unser erster Landgang ste­ht an. Wir pack­en uns dick ein: zwei Paar Sock­en, lange Unter­hose, Longsleeve, Buff, Hand­schuhe, Mütze, darüber die wasserdichte Jacke und Über­hose, die uns gestellt wer­den. In unseren wasser­festen Beu­tel pack­en wir noch Daunen­jacke und Ersatzhand­schuhe. Außer­dem die Kam­eras. Essen ist ver­boten auf das Fes­t­land zu brin­gen. Wir gehen in den Mud­room, wo wir von unseren Turn­schuhen in Gum­mistiefel wech­seln. Hof­fentlich sind die warm! Wir bekom­men noch Schwimmwest­en und reini­gen unsere Schuhe. Dann besteigen wir die Zodi­acs, die sowas wie große Schlauch­boote für 10–12 Leute sind. Mit ihnen gleit­en wir durch die neblige Polar­land­schaft, der Bug fährt durch Eiss­chollen hin­durch und wir empfind­en das Glück hier zu sein stark in unseren Herzen.

Unser Guide navigiert uns mit Hil­fe von GPS ans Ufer. Auf dem Weg erzählt er uns etwas über die Geolo­gie der Gegend und zeigt uns Beispiele dafür. Im Gestein sind manch­mal schwarze Streifen zu sehen. Es sind Spal­ten, die vor Mil­lio­nen von Jahren tief in der Erde mit Mag­ma aufge­füllt wur­den und nun an der Ober­fläche liegen. In ein­er kleinen Bucht sehen wir Ini­tialen, die dort vor einem Jahrhun­dert von einem Forschungss­chiff, der “Pourquoi Pas?”, hin­ter­lassen wur­den. Wir ent­deck­en erstes Leben in dieser Eiswüste — eine Gruppe Robben. Wir gleit­en durch einen Park aus Eis­skulp­turen mit nicht enden wol­len­den imposan­ten und magis­chen For­ma­tio­nen, die Eis­bö­gen her­vorza­ubern. Ein Klang von qui­etschen­den Pin­guinen liegt in der Luft. Dann fahren wir an die fel­sige Küste von Peter­mann Island. Wir wer­den schon von zahlre­ichen Esel­sp­in­guinen erwartet, die man nicht nur sehen, son­dern auch vor allem auch riechen kann.

Wir leg­en an und betreten zum ersten Mal die Antark­tis. Es ist nicht schw­er einen Pin­guin zu sehen, da sie prak­tisch über­all sind. Eine Pin­guinkolonie ist eine Mis­chung aus Gemeinde und Kinder­garten. Einige sind ger­ade in der Mauser, andere watscheln herum. Wir gehen auf eine kleine Anhöhe und sehen dort zwei Adeliepin­guine. Lei­der sind sie ein biss­chen weit weg und in einem Bere­ich der nicht betreten wer­den darf, weshalb wir den typ­is­chen weißen Ring um ihre Augen nur schw­er erken­nen kön­nen.

Für Men­schen gibt es eine fünf Meter Regel, damit kein­er den Pin­guinen zu nah kommt. Die kleinen Pin­guine inter­essiert das aber offen­sichtlich recht wenig, denn sie kom­men direkt auf uns zu und beäu­gen uns neugierig. Ein junger Pin­guin entschei­det sich aber uns zu erforschen und watschelt auf uns zu. Wir set­zen uns um ihn nicht zu ver­schreck­en. Er kommt bis auf wenige Zen­time­ter an uns her­an und wir kön­nen ihn gut beobacht­en. Nach kurz­er Zeit ver­ab­schiedet er sich wieder und wan­dert zu sein­er Kolonie zurück.

Wir sind im März hier und die Pin­guin­jun­gen sind bere­its vor eini­gen Monat­en geschlüpft und nun ganz flauschig im Über­gang zum Erwach­se­nen­leben. Ein Kück­en kommt „gah­h­hh, gah­hh“ schreiend durch die Gruppe gewatschelt, was so viel bedeutet wie „Mama, ich habe Hunger!“, denn schon bald watschelt ein ander­er Pin­guin zu dem Jun­gen und begin­nt es mit hochgewürgten Krill und Fisch zu füt­tern.

Über den Schnee gehen wir zurück. Nur ein paar Felsen sind zu sehen, son­st ist die Insel kom­plett mit Schnee und Eis bedeckt. Der Schnee ist oft grün oder rötlich. Die Farbe stammt von ein­er Alge, eine der weni­gen Pflanzen die hier wach­sen. Die Farbe kann aber auch ein­fach nur Pin­guin­scheiße sein, die je nach Nahrung rot (Krill) oder weiß (Fisch) ist. Über uns sehen wir immer wieder Raub­möwen fliegen und im Schnee find­en wir den ein oder anderen Pin­guinka­dav­er. Wir gehen einen Hügel hin­auf zu ein­er weit­eren Pin­guinkolonie. Die Wege sind mit Stäben markiert, da einige Bere­iche für Men­schen ges­per­rt sind, und auch auf­grund der Spal­tenge­fahr der Gletsch­er. Auf der Rück­fahrt zum Schiff sehen wir ein paar Krabben­fresser­robben und einen Seeleop­ar­den.

Auf den Spuren früher Entdecker

Nach dem Mit­tagessen ste­ht der zweite Aus­flug an. Wir sind bei den Argen­tine Islands und unser Zodi­ac bringt uns zu ein­er schneebe­deck­ten Insel mit dem Wordie House darauf. Die Hütte gilt als his­torisches Gebäude und wurde 1947 errichtet. Sie war ein britis­ches Win­terquarti­er und eine der ersten wis­senschaftlichen Forschung­sein­rich­tun­gen der Antark­tis. Benan­nt ist sie nach Sir James Wordie, ein Mit­glied der Shack­le­ton Trans-Antarc­tic Expe­di­tion. Die Hütte beste­ht aus ein­er Küche, Wohnz­im­mer, Hun­der­aum, Gen­er­a­tor­raum, Büro und Toi­lette. Nor­maler­weise wurde die Hütte von vier bis fünf Leuten bewohnt. Die Hütte ist eine wahre Zeitkapsel, denn sie ist noch immer so ein­gerichtet wie in den 50ern.

Wir sehen eine Werk­statt, die Küche voller Kon­ser­ven­dosen. Es gibt eine Art Plump­sk­lo und eine Schreib­mas­chine, ein Regal mit Büch­ern und Lam­p­en. Die Hütte sieht eigentlich ganz gemütlich aus. Den kom­plet­ten antark­tis­chen Win­ter möchte ich aber nicht darin ver­brin­gen. Hin­ter der Hütte kön­nen wir auf einen Hügel hin­auf gehen. Die Aus­sicht ist sehr schön, da es seit mor­gen etwas aufgeklart hat. Man sieht die Ver­nad­sky Sta­tion, die wir später noch besuchen wer­den. Hin­ter ihr ste­hen Berge mit steilen Fel­swän­den und zerk­lüfteten Gletsch­ern. Auf dem Meer treiben große Eis­berge und dazwis­chen unser Schiff.

Dann machen wir eine Zodi­acrunde durch die Eis­berge. Wir sehen große Tor­bö­gen aus Eis die dazu ein­laden hin­durch zu fahren, was aber zu gefährlich wäre, da sie brechen oder der Eis­berg flip­pen kön­nte. Wir sehen auch einige Krabben­fresser­roben auf den Eiss­chollen liegen und im Wass­er schwim­men. Auch einige Esel­sp­in­guine sind unter­wegs. Auf ein­er kleinen Felsin­sel sitzt ein schwarz weißer Kor­moran.

Die Vernadsky Station

Aber nicht alle Exkur­sio­nen gehen darum Tiere und Eis zu sehen, son­dern zeigen die men­schliche Seite dieses unmen­schlichen Ortes. „Hal­lo! Willkom­men auf der Ver­nad­sky Sta­tion, kommt here­in“, Sasha, ein junger Mete­o­rologe mit rosi­gen Wan­gen begrüßt uns. Wir fol­gen ihm über die schneebe­deck­ten Stufen in das Haupt­ge­bäude. Die Ver­nad­sky Sta­tion ist eine ukrainis­che Forschungssta­tion, die ehe­mals eine britis­che Sta­tion war und zu einem sym­bol­is­chen Preis von ein Pfund an die Ukraine verkauft wurde. Hier wer­den vor allem seis­mis­che Erschüt­terun­gen, die Dicke der Ozon­schicht sowie mete­o­rol­o­gis­che Ein­flussgrößen gemessen, es wird im Bere­ich der oberen Atmo­sphäre und zum The­ma Kli­mawan­del geforscht.

Sasha zeigt uns die Labore, Schlaf­säle und den Fit­ness­raum. Alles ist eng zusam­mengepfer­cht. Die 12 Män­ner der Sta­tion ver­brin­gen den gesamten Win­ter hier. In eini­gen Monat­en wird das Meer über­frieren und die Ver­nad­ksy Sta­tion wird, so wie viele andere Forschungssta­tio­nen auf dem antark­tis­chen Kon­ti­nent, eben­so isoliert wie eine Wel­traum­sta­tion sein. Sasha ist offen­sichtlich hoch erfreut mal andere Men­schen als seine Kumpa­nen zu sehen, denn allzu oft kommt das nicht vor. Andere stark bebärtete Wis­senschaftler scheinen die Ein­samkeit hier gut zu find­en und ver­steck­en sich lieber hin­ter geschlosse­nen Türen.

Ein biss­chen muss man die Ein­samkeit schon lieben um ein Jahr hier zu ver­brin­gen. Die lan­gen Win­ter­monate haben die Wis­senschaftler ganz für sich. Die rus­sis­che Besatzung unseres Schiffes hat ihnen frisches Obst, Gemüse und Kuchen gebracht, denn das ist hier am Ende der Welt Man­gel­ware. Sasha ist seit ein paar Monat­en Vater und freut sich schon sehr darauf im Juni endlich sein Kind ken­nen­zuler­nen.

Wir kom­men zum Ende unser­er Tour durch die Sta­tion und wir haben die Möglichkeit­en Postkarten von hier zu schick­en. Die soge­nan­nte Post­sta­tion ist ein Tisch mit einem Wis­senschaftler, der die Postkarten ent­ge­gen­nimmt. Dann lan­den wir in der Bar, der südlich­sten der Welt. Bier oder Wod­ka gibt es nicht, nur Wein, aber der kostet nur zwei Euro das Glas. Kann mir aber nicht vorstellen, dass sie wirk­lich keinen Wod­ka hätte. Aber wenn ich hier Wod­ka hätte, würde ich ihn auch nicht mit Touris­ten teilen :) Die Bar wurde von der britis­chen Besatzung der Sta­tion als orig­i­nal englis­ches Pub kom­plett mit Bil­lardtisch und Dart­board gebaut. Neben US-Dol­lar oder Euro kann man auch mit einem BH zahlen.

Direkt vor der Sta­tion ist eine Esel­sp­in­guin-Kolonie, die wir beobacht­en bevor es zurück zum Schiff geht. Vor dem Schlafenge­hen kön­nen wir noch ein paar Wale vom Fen­ster aus beobacht­en.

Ein Gipfel in der Antarktis

Heute ist es ziem­lich bewölkt und es reg­net leicht, was immer­hin bedeutet, dass es wärmer als gestern ist. Ein Zodi­ac bringt uns nach Ple­nau Island. Wir betreten die Insel und wer­den von Esel­sp­in­guinen begrüßt. Die Guides haben einen Weg markiert auf dem man auf den kleinen Hügel der Insel wan­dern kann. Der untere Teil ist ziem­lich vereist und man muss auf­passen, dass man nicht hin­fällt. Der Weg ist nicht steil, aber durch die vie­len Klei­dungss­chicht­en wird uns schnell warm weshalb wir die Jack­en öff­nen. Von oben haben wir einen schö­nen Aus­blick auf das Meer mit den darin schwim­menden Eis­ber­gen, dazwis­chen Kajak­fahrer und Zodi­acs. Auch unser Schiff ist gut zu sehen und alles ist einger­ahmt von mit Gletsch­ern über­zo­ge­nen Bergen.

Nun begeben wir uns auf eine Zodi­ac­tour an haushohen Eis­ber­gen vor­bei. Alle sind einzi­gar­tig und anders geformt. Wir sehen einen kleinen braunen Vogel, der im Fliegen auf dem Wass­er laufen kann. Es ist eine Bunt­fuß-Sturm­schwalbe, die über die Wasser­ober­fläche hopst und pad­delt, wodurch Beuteltiere ange­lockt wer­den sollen. Sie ist schön an zu sehen und der kommt auch ziem­lich nahe ans Boot. Nach ein­er guten Stunde geht’s zum Boot zurück und trotz des Regens war es eine sehr schöne Tour, auch wenn es zum Ende gut frisch auf dem Zodi­ac gewor­den ist, wo man nur sitzt.

Zurück auf der Ioffe fährt sie weit­er zu unserem näch­sten Ziel, der Palmer Sta­tion. Dabei fahren wir durch den Lemaire Chan­nel. Der natür­liche Kanal ist nur 1.600m bre­it. Links und rechts von uns ragen steile Fels- und Gletscher­flanken auf. Wir ste­hen auf der Brücke und beobacht­en unsere Durch­fahrt. Im Kanal schwim­men große Eis­berge, denen unser Schiff aufwe­ichen muss und auf kleinen Schollen liegen Robben. Es kommt uns sog­ar ein kleines deutsches Segel­boot ent­ge­gen. Ich mag mir kaum aus­malen was die Drake Pas­sage in so einem kleinen Boot bedeuten mag. Wann schläft man da eigentlich? Das Meer öffnet sich wieder und wir fahren Rich­tung Palmer Sta­tion.

Die Palmer Station

Zwei Wis­senschaftler der amerikanis­chen Palmer Sta­tion kom­men an Bord um eine kurze Präsen­ta­tion zu hal­ten. Es geht um ihre Forschungstätigkeit­en, am inter­es­san­testen finde ich den kurzen Bericht über die Antark­t­is­fis­che, die so gut wie kein Hämo­glo­bin besitzen und deshalb weißes Blut haben. Nach dem Vor­trag fahren wir mit dem Zodi­ac zur Palmer Sta­tion. Der Regen hat sich nun in Schnee ver­wan­delt und es hat dicht­en Nebel.

Wir wer­den von ein­er Wis­senschaft­lerin erwartet, die uns durch das Gelände führt. Im Gegen­satz zur Ver­nad­sky Sta­tion bleiben die Wis­senschaftler hier nur sechs Monate. Während die ukrainis­che Sta­tion nicht mal über Inter­net ver­fügt, haben die Amerikan­er sog­ar einen heißen Pool. Alles in allem macht die Sta­tion bei weit­em nicht den ein­samen Ein­druck wie die Ver­nad­sky Sta­tion, weshalb ihr aber auch der Charme dieser fehlt. Hier gibt es aber nicht nur Wis­senschaftler. Wir unter­hal­ten uns lange mit Ter­ri Nel­son eine Kün­st­lerin, die hier als wis­senschaftliche Illus­tra­torin arbeit­et und Vögel malt. Sie hat sich auf die weißen Sei­den­schnä­bel spezial­isiert, die wir auch schon bei der Ver­nad­sky Sta­tion gese­hen haben. Über das “Nation­al Sci­ence Foundation’s Antarc­tic Artists & Writ­ers Pro­gram” kön­nen Kün­stler und Schrift­steller vier Monate auf der Sta­tion ver­brin­gen um ihren Pro­jek­ten nachzuge­hen. Ter­ri ist seit Dezem­ber hier und ihre Zeit geht dem Ende zu. Die Besatzung der Sta­tion führt auch gerne mal Touren auf die nahe gele­ge­nen Gletsch­er und Gipfel durch, das Ski­lager ist eben­falls gut bestückt. In dichtem Nebel und Schnee­treiben fahren wir zum Schiff zurück.

Das antarktische Festland

Unsere erste Sta­tion für heute ist die argen­tinis­che Brown Sta­tion. Das Beson­dere ist, dass wir hier zum ersten Mal antark­tis­ches Fes­t­land betreten. Alle Sta­tio­nen bish­er waren auf vorge­lagerten Inseln der Antark­tis. Zuerst machen wir aber eine Zodi­ac­tour durch den Par­adise Har­bour. Das Wet­ter ist bess­er gewor­den und man sieht ein wenig blauen Him­mel, damit ist es aber auch käl­ter gewor­den. Schon nach weni­gen Minuten merke ich, dass ich eventuell eine Lage mehr hätte anziehen sollen. Zu Beginn unser­er Tour fahren wir an ein­er steilen Fel­swand vor­bei, an der Kor­morane (Blauau­gen­schar­ben) brüten. An manchen Stellen ist der Fels grün-bläulich von Kupfer­ox­id.

Wir fahren zwis­chen großen Eis­ber­gen hin­durch und eine Krabben­fresser­robbe lässt sich darauf von uns ablicht­en. Vor uns erstreckt sich ein Gletsch­er, der in einem Eis­fall ins Meer bricht. Das ganze Eis ist sehr porös und löchrig, trotz­dem sind die steilen Eiswände zum Meer haushoch. Später wird der Gletsch­er wieder kom­pak­ter und fällt als senkrechte Wand ins Wass­er. Wir besichti­gen noch einige Eis­berge, dann fahren wir mit Voll­gas zum Anleger der argen­tinis­chen Sta­tion, denn alle bren­nen darauf ihre Füße zum ersten Mal auf antark­tis­chen Boden zu set­zen. Dann ist es soweit und wir betreten die Antark­tis. Alex hat nun alle sieben Kon­ti­nente des Erd­balls betreten, mir fehlt noch Nor­dameri­ka. Die herum­ste­hen­den Esel­sp­in­guine scheint’s jedoch nicht zu beein­druck­en, denn ungestört fol­gen sie weit­er ihrem Pin­guinall­t­ag.

Auf einem Berg, der in ein­er steilen Fel­swand zum Meer abbricht, ist ein Weg aus­gesteckt. Wir fol­gen ihm hin­auf. Er ist sehr steil und wir steigen schnell, um uns aufzuwär­men. Nach der Zodi­ac­tour bin ich gut aus­ge­froren, vor allem die Füße sind eiskalt. Im oberen Bere­ich wird es fel­siger und vor allem eisiger und man muss auf­passen nicht zu rutschen. Oben ist es kom­plett fel­sig und wir haben einen schö­nen Blick auf das Meer, Berge und Gletsch­er, unser Boot und die Sta­tion unter uns. Später erfahren wir, dass ein Paar von unserem Schiff sich hier oben ver­lobt hat. Gibt defin­i­tiv schlechtere Orte für sowas als hier oben. Den Weg hin­unter sprin­gen wir durch den tiefen Schnee, was wie immer viel Spaß macht. Zurück an der Sta­tion beobacht­en wir die Esel­sp­in­guin-Kolonie in der Sei­den­schnä­bel herum­laufen.

Zum Mit­tagessen wird heute gegrillt. Wir sitzen im hin­teren Teil des Schiffes im Freien und essen Burg­er und Steaks. Dazu gibt es Glüh­wein. Auf dem Weg zu unser­er näch­sten Lan­dungssta­tion fahren wir durch den Neu­may­er Kanal, der 26km durch eine Meerenge ver­läuft. Das Wet­ter in der Antark­tis ist extrem unvorherse­hbar. An den ersten Tagen hing ein grauer Schleier in der Luft, aber nun ist es aufgeklart. Das bewölk­te Wet­ter hat den Gletsch­ern in den let­zten Tagen einen blauen Stich gegeben, heute in der Sonne erscheint alles in per­fek­tem Weiß. Wenn die Sonne scheint, glitzert die Land­schaft wie im Märchen und die Szener­ie ist mit reinem weißen Schnee, blau­grü­nen Gletsch­ern, tiefen blauen Meer und schwarzen Berge bemalt.

Sonne auf Cuverville Island

Dann erre­ichen wir unser Ziel — Cuverville Island. Schon bevor wir anle­gen, wer­den wir von ein­er im Wass­er schwim­menden Krabben­fresser­robbe begrüßt. Auf dem steini­gen Strand tum­meln sich hun­derte Pin­guine, dahin­ter steigt die Insel zu einem Berg auf über dem Raub­möwen kreisen. Wir steigen aus und bekom­men eine Ein­weisung von ein­er Wis­senschaft­lerin, die in den 90er Jahren ein Jahr auf der Insel gelebt hat. Mit­ten in der Ein­weisung sehen wir wie zwei Raub­möwen einen jun­gen Pin­guin attack­ieren. Sie hack­en auf seine Augen ein und brin­gen ihn zu Fall. Der Pin­guin zuckt noch als die Raub­möwen begin­nen ihn aufzufressen. Tragisch, aber so ist die Natur, auch die Raub­möwe hat Babys zu füt­tern.

In der Mauser sind die Pin­guine schwach und angreif­bar. Ihr kom­plettes Gefieder wird erset­zt, das heißt, sie fressen sich vorher ordentlich im Meer voll um dann draußen ohne essen rumzuste­hen, zu frieren und zu warten bis das Gefieder wieder neu und wasser­im­präg­niert ist, damit sie wieder ins Wass­er gehen kön­nen. Es ist ein trau­ma­tis­ches Erleb­nis für die Pin­guine, jedes Jahr vor dem Win­tere­in­bruch.

Wir wan­dern über den Strand voller Esel­sp­in­guine. Wenn wir uns hinknien kom­men die jun­gen Pin­guine manch­mal sehr nahe an uns her­an um uns zu unter­suchen oder irgen­det­was anzukn­ab­bern. Ein tolles Erleb­nis. Man weiß gar nicht wo man hin­schauen soll, da es über­all watschelt, rutscht und kräht. Am lustig­sten ist es wenn die Jun­gen mit aus­ge­spre­itzten Flü­gen ihre Eltern ver­fol­gen. Am Strand liegen einige Wal­knochen, alleine die Wirbel sind fast einen Meter groß.

Wir gehen an den Lan­dungsplatz zurück um noch eine Zodi­ac­tour zu machen. Durch die Sonne sind die Eis­berge an ein­er Seite ange­taut und es haben sich san­fte Mulden in den steilen Eis­flanken gebildet. Das mat­te Weiß sieht fast aus wie aus Kun­st­stoff. Auf eini­gen Schollen liegen Krabben­fresser­robben und auf den Steinen liegen See­hunde. Immer wird sprin­gen neben den Zodi­ac Pin­guine aus dem Wass­er. Wir fahren zum Schiff zurück und gehen zum Aben­dessen.

Ein Biwak in der Antarktis

Heute ist die große Nacht. Das Wet­ter ist gut, weshalb wir draußen schlafen wollen. Wir ziehen uns an was wir haben: T-Shirt, Longsleeves, dicke Daunen­jacke, zwei paar Sock­en, Unter­hose, lange Unter­hose, Hose, Über­hose, Über­jacke, Hand­schuhe, Mütze und zulet­zt die Gum­mistiefel.

Son­st kom­men noch Kam­era, Stirn­lampe und natür­lich das Knutschekrokodil mit. Es ist schon dunkel und die ersten Sterne ste­hen am Him­mel als wir um halb zehn in die Zodi­acs steigen und zum Strand fahren. Eine Pin­guinkolonie gibt es hier nicht, aber Wed­dell­robben liegen am Strand. Manch­mal sin­gen diese nachts, was einen elek­tro­n­is­chen Klang haben soll. Wir bekom­men unsere Biwak­sachen: Iso­mat­te, Biwak­sack, Schlaf­sack und Inlet. Im Schein unser­er Stirn­lam­p­en heben wir eine Grube im Schnee aus, die uns vor Wind schützen soll.

Es ist gar nicht so ein­fach Iso­mat­te, Schlaf­sack und Inlet so in den Biwak­sack zu schieben, dass es später ein­fach ist einzusteigen. Man kippt auch auch gerne verse­hentlich etwas Schnee in den Biwak­sack und muss ihn dann wieder ausleeren. Am Ende liegt aber alles fer­tig in der Grube. Wir beobacht­en noch den klaren Ster­nen­him­mel und gehen dann ins Bett. Die Gum­mistiefel liegen ineinan­der gesteckt neben dem Biwak­sack. Über­jacke und -hose kom­men als Kopfkissen unter die Iso­mat­te in den Biwak­sack. Den Rest behal­ten wir an. Ist gar nicht so ein­fach in den Schlaf­sack zu kom­men und alles zu recht zu richt­en. Nach eini­gen Ver­renkun­gen liegen wir aber drin und es ist angenehm warm. Bevor wir ein­schlafen hören wir noch Geräusche, ich weiß aber nicht wo schnar­chen aufhört und Robbenge­sang anfängt.

Mir war in der Nacht trotz aller Schicht­en doch etwas kalt. Der Mor­gen begrüßt uns mit einem glühend roten Him­mel über schneebe­deck­ten Bergen, der den Son­nenauf­gang ankündigt. Wir quälen uns aus den Schlaf– und Biwak­säck­en und ziehen uns an. Die Gum­mistiefel sind eiskalt, aber durch die zwei paar Sock­en ist es kaum zu spüren. Am Strand liegen wieder große Wal­knochen, wir haben prak­tisch auf einem Wal­fried­hof geschlafen. Auf den steini­gen Strand schiebt sich ger­ade ger­ade eine Robbe ins Wass­er und ein Artgenosse döst noch immer ober­halb im Schnee. Auch die ersten Pin­guine sind schon unter­wegs. Es dauert nicht lange bis wir mit dem Zodi­ac zurück zum Schiff gebracht wer­den, wo eine warme Dusche wohltuend ist.

Zügelpinguine und Wale

Unser Ziel am Vor­mit­tag ist Orne Har­bour, wo es Zügelpin­uin-Kolonie gibt. Schon auf dem Weg zur Insel wird klar, dass es ein ziem­lich windi­ger Aus­flug wird. Wir lan­den an der fel­si­gen Küste. Um an flach­es Land zu kom­men müssen wir erst die Felsen über­winden, wobei es sog­ar leicht krax­elig wird. Dort wer­den wir von Esel­sp­in­guinen emp­fan­gen, die sich hier bre­it gemacht haben. Ein wenig weit­er oben ste­hen auch die ersten Zügelp­in­guine. Um zu ihrer Kolonie zu gelan­gen, müssen wir ein steiles und vereistes Schneefeld hin­auf gehen. Wir steigen das Schneefeld hin­auf und ver­suchen dabei in den vereis­ten Pas­sagen nicht auszu­rutschen. Es weht ein stark­er Wind, was die Sache nicht unbe­d­ingt leichter macht.

Wir erre­ichen den fel­si­gen, fast schneefreien Gipfel auf dem die Zügelp­in­guine ihre Kolonie errichtet haben. Sie ist bei weit­en nicht so groß wie die Esel­sp­in­guin-Kolonien, die wir bish­er besucht haben und so beschränken sich unsere Beobach­tun­gen auf ein paar Exem­plare, die dem starken Wind trotzen. Ein­er fällt beson­ders auf, da er Steine sam­melt und damit ein Nest baut und das obwohl dafür gar keine Sai­son ist. Der Experte erk­lärt, dass dies ein junges Tier ist, dass schon für näch­stes Jahr übt. Auf dem Felsen wächst auch Moos auf dem man nicht treten soll um ihnen das Über­leben in diesen harschen Bedin­gun­gen nicht noch schw­er­er zu machen.

Der Wind bläst noch immer und wirbelt dem Scch­nee auf, sodass dieser in Spi­ralen über die Schneefläche tanzt. Auch uns ist es zu windig und so machen wir uns wieder an den Abstieg. Wir beobacht­en noch einen Zügelp­in­guin, der ein­sam einen lan­gen Schnee­hang herunter kommt. Es scheint dabei weniger Prob­leme zu haben als wir, die immer wieder über die eisi­gen Flächen rutschen. Wieder unten beobacht­en wir noch eine kleine Gruppe Esels- und Zügelp­in­guine, die im Schnee ste­hen, dann fahren wir mit den Zodi­acs zum Schiff zurück.

Es ist März, Spät­som­mer hier in der Antark­tis, und eine Menge Meereis ist geschmolzen, was es eine gute Zeit für Whale­watch­ing macht. Jared, der Meeres­bi­olo­gie an Bord, find­et einen Buck­el­w­al und lädt alle auf die Brücke ein um ihn zu sehen. Der Wal springt und dreht sich ein paar hun­dert Meter ent­fer­nt von unserem Schiff. Sein Auf­prall ist so laut, dass man ihn bis hier­her hören kann. Min­destens drei oder mehr von ihnen schwim­men um uns herum. Das Schiff fol­gt den Walen und wir kön­nen sie gute 45 Minuten beobacht­en, manch­mal sind sie keine 50m mehr vom Boot ent­fer­nt. Es herrscht dicht­es Schnee­treiben, weshalb es draußen ziem­lich kalt ist. Den­noch kann man sich von dem Anblick ein­fach nicht los­reißen, auch wenn ich meine Fin­ger kaum noch spüre während sie über dem Aus­lös­er der Kam­era hän­gen.

Um unseren Tage­s­plan zu hal­ten muss das Schiff irgend­wann aber abdrehen und wir wer­den den immer noch sprin­gen Walen den Rück­en zu. Unser näch­stes Ziel ist die Wil­helmi­na Bay. Wir bleiben auf der Brücke und beobacht­en das Meer. Immer wieder sehen wir Rück­en von Buck­el­walen im Wass­er auf­tauchen. Es springt aber kein­er mehr. Mit der Zeit schwim­men immer mehr Eiss­chollen auf dem Meer und die Sich­tun­gen von Buck­el­walen wer­den sel­tener, dafür sieht man immer öfter Robben auf den Schollen liegen.

Minkwale in der Wilhelmina Bay

Wir kom­men in Wil­helmi­na Bay an und gehen vor Anker. Die Bucht ist dicht mit Eiss­chollen bedeckt und das Wass­er ist glasklar. Man kann aber nicht sehen, dass es eine Bucht ist, da dichter Nebel über dem Wass­er liegt und es immer noch stark schneit. Die geplante Exkur­sion ist dies­mal kein Landgang son­dern eine reine Zodi­ac-Cruise. Um dem Wet­ter zu trotzen, pack­en wir uns heute beson­ders dick ein. Ich trage allein drei Paar Sock­en. Wir fahren durch das dichte Eis­feld und beobacht­en die Krabben­fresser­robben auf den Schollen. Diese lassen sch durch uns kaum stören und lassen sich bere­itwillig fotografieren.

Das ganze Meer scheint voll mit Robben zu sein. Ein­mal schwim­men an ein­er Stelle sechs Robben durchs Wass­er. Sie sind teil­weise so nah, dass man sie in dem klaren Wass­er tauchen sehen kann wenn sie am Boot vor­bei schwim­men. Noch immer schneit es stark und die Kam­eras wer­den nass. Mir selb­st ist aber noch ver­hält­nis­mäßig warm. Lei­der haben wir bis jet­zt noch keinen der Minkwale gese­hen, die sich hier herumtreiben sollen. Ger­ade als wir uns umdrehen wollen um zum Schiff zurück zu fahren, taucht eine lang gestreck­ter schwarz­er Rück­en aus dem Wass­er auf und ver­schwindet wieder.

Wir fol­gen dem Wal und kön­nen ihn noch ein­mal sehen. Am Schiff soll auch ein­er sein weshalb wir Kurs auf die Ioffe nehmen. Durch den Nebel kön­nen wir sie aber nicht sehen und als wir das Nebel­horn der Ioffe hören merken wir, dass wir 90° in die falsche Rich­tung fahren. Kurz darauf kom­men wir am Schiff an und gehen an Bord. An Deck wird Glüh­wein gere­icht. Als wir trinken kön­nen wir nochmal einen Minkw­al beobacht­en. Wir gehen zur Brücke um eine bessere Über­sicht zu haben.

Wir sehen wie die let­zten Zodi­acs und Kajak­fahrer zurück kom­men. Als sie weg sind taucht fast an der Stelle wo ger­ade noch ein Zodi­ac war ein Minkw­al auf. Wahrschein­lich haben ihn nur die paar Leute gese­hen die auf der brücke sind. Er ist jedoch immer nur kurz an der Ober­fläche und immer an ein­er anderen Stelle was es unmöglich macht ihn zu fotografieren. Wir merken, dass er unter dem Schiff hin­durch taucht und wech­seln die Seite. An der Steuer­bord Seite kön­nen wir ihn noch ein paar Mal sehen bis er kom­plett ver­schwindet.

Das Wet­ter ist in der Zeit bess­er gewor­den und es hat aufgeklart. Die vom ver­gletscherten Bergen einger­ahmte Bucht ist gut zu sehen. Die Berge spiegeln sich in dem fast unnatür­lich glat­ten Wass­er und durch seinen sil­bri­gen Glanz kön­nte man meinen auf einem Queck­sil­bersee zu treiben. Unser Schiff nimmt wieder Fahrt auf und gleit­et durch die spiegel­glat­te See. Wir bleiben auf der Brücke und beobacht­en die Tier­welt. Wir sehen noch ein paar Buck­el­wale in der Ferne, Pin­guine und viele Robben. Es ist ein­fach sie zu ent­deck­en, da die See so glatt ist, dass jede Welle die man sieht von einem Tier verur­sacht wird. Man kann sog­ar die Bug­wellen der Robben sehen die unter der Wasser­ober­fläche schwim­men und man muss nur warten bis sie auf­tauchen. Zum Aben­dessen kön­nen wir uns heute ein Fläschchen Wein, dann geht ein langer, aber sehr schön­er Tag zu Ende.

Die Südlichen Shetlandinseln — Ein eiskaltes Bad

Über Nacht ist das Schiff schon ein gutes Stück nach Nor­den gefahren und die Anker­plätze auf denen wir die let­zten Exkur­sio­nen unser Antark­tis­reise machen, liegen schon auf den Südlichen Shet­landin­seln. Unser erstes Ziel ist Decep­tion Island. Die Insel ist ein noch immer aktiv­er Vulkan und der einge­fal­l­ene Vulkankegel bietet einen der sich­er­sten natür­lichen Häfen der Welt, die Ein­fahrt ist aber nicht ganz ohne. So ste­hen wir nach dem Früh­stück auf der Brücke und beobacht­en wie das Schiff in den Krater hinein fährt. Rechter­hand steigt eine fel­sige Wand empor und im Wass­er steigt ein Felsen bis 2,5m unter der Wasser­ober­fläche hin­auf. Er wurde schon eini­gen Schif­f­en zum Ver­häng­nis. Wir kom­men aber sich­er hin­durch.

Vor uns liegt der schwarze Strand, der von ihm auf­steigende Dampf zeugt von der ther­mis­chen Aktiv­ität der Gegend. Der Hafen heißt Whalers Bay und war bis in die 30er Jahre eine Wal­fangsta­tion. Noch immer sieht man die ros­t­braunen haushohen Kessel in denen einst das Walöl gelagert wurde. Daneben ste­hen einge­fal­l­ene Holzhäuser und Hallen aus Well­blech. Ein­er der Guides führt uns zu einem kleinen Gipfel über­halb der Wal­fangsta­tion. Wir steigen durch die schwarze Vulka­n­erde hin­auf und der Nebel wird immer dichter.

Als wir auf dem Gipfel ankom­men ist uns zwar schön warm gewor­den, von der schö­nen Aus­sicht haben wir jedoch nichts, da der Nebel mit­tler­weile so dicht ist, dass man nicht ein­mal mehr bis zum Strand sehen kann. Wir gehen wieder zurück zum Strand und besichti­gen die Ruinen der Wal­fangsta­tion. Es gibt auch einen kleinen Fried­hof mit zwei Gräbern. Am Strand liegen einige See­hunde herum und wir hal­ten gebühren­den Sicher­heitsab­stand ein, da die Tiere aggres­siv wer­den kön­nen. Tat­säch­lich sind sie für den Men­schen die gefährlich­sten Tiere der Antark­tis. Auch ein paar Pin­guine ste­hen herum.

Durch die vulka­nis­chen Aktiv­itäten ist das Wass­er hier dop­pelt so warm als üblich und hat ganze 2°C anstatt 1°C. Wir ziehen uns aus und laufen Hand in Hand ins küh­le Nass der Antark­tis. Es ist wie erwartet eiskalt und lange hal­ten wir es nicht im Meer aus. Durch die am Boden auf­steigen­den Dämpfe ist es am Strand selb­st aber angenehm warm. An manchen Stellen ist der Strand sog­ar richtig heiß. Wir sprin­gen ein zweites Mal in das eiskalte Meer­wass­er bevor wir zurück zum Schiff gebracht wer­den.

Sonniger Abschied aus der Antarktis am Yankee Harbour

Am Yan­kee Har­bour gehen wir ein let­ztes Mal vor Anker. Das Wet­ter ist super, blauer Him­mel und Son­nen­schein. Die Gletsch­er auf um uns liegen­den Bergen scheinen in reinem Weiß. Wir machen uns mit den Zodi­acs auf den Weg in den durch eine flache lang gezo­gene Landzunge gebilde­ten natür­lichen Hafen. Schon von weit­em sind hun­derte Pin­ug­ine und Robben zu sehen, die hier ihr Heimat haben. Sie watscheln am Strand ent­lang um vom Meer auf die am Fuße des Berges liegende Kolonie zu erre­ichen. Wir gehen an der Innen­seite der Landzunge ent­lang auf den Berg zu. Auf steini­gen Hang nis­ten hun­derte Pin­guine, wir dür­fen die Kolonie aber nicht betreten und bleiben auf der Landzunge. Neben den Pin­guinen sind auch die See­hunde zahlre­ich vertreten und es ist schw­er die 15m Sicher­heitsab­stand zu wahren.

Wir sehen auch zwei See-Ele­fan­ten zwis­chen den See­hun­den am Strand liegen. Ihnen fehlt allerd­ings der namensgebende Rüs­sel, weshalb es entwed­er Weibchen oder Jungtiere sind. Da sie dicht nebeneinan­der liegen kann man sie gut mit den See­hun­den ver­gle­ichen. Während die See­hunde als Käl­teschutz auf ihr Fell set­zen, haben die See-Ele­fan­ten reich­lich Fett, das sie warm hält. Wenn sie sich bewe­gen, was nicht oft vorkommt, schwabbelt der ganze Kör­p­er und mit ihren großen Augen und dem Dop­pelkinn sehen sie aus als kön­nten sie kein­er Fliege was zu lei­de tun. Die See­hunde dage­gen raufen am Strand und wenn man sich ihnen nähert posieren sie dro­hend vor einem und schnau­zen einen an. Unter den vie­len Esel­sp­in­guinen kön­nen wir auch einen ein­samen Zügelp­in­guin ent­deck­en.

Wie in allen großen Pin­guinkolonien sind hier auch die Raub­möwen nicht weit. In dem starken Wind gleit­en sie in einem Affen­zahn über die Pin­guine hin­weg. Ein­er hat irgend­wo einen Fis­chkopf erbeutet und ver­sucht von ihm ein paar Fet­zen abzureißen. Wir sehen auch noch einen weit­eren See-Ele­fan­ten, der schw­er­fäl­lig ins Meer robbt. Wir gehen weit­er auf der Landzunge auf und ab und beobacht­en die Tier­welt und die Umge­bung. Der wind wird immer stärk­er und bald rufen uns die Guides zu den Zodi­acs zurück. Es ist noch immer strahlen­der Son­nen­schein, doch durch den Wind ist die See rauer gewor­den. Die Rück­fahrt zum Schiff ist ein rauer Ritt auf den Wellen und zurück an Bord sind wir gut nass.

Die Ioffe nimmt nun wieder Kurs nach Nor­den. Wir beobacht­en ein let­ztes Mal die eisige Land­schaft. Wir nehmen Abscheid von der Antark­tis. In der langsam unterge­hen­den Sonne ist es angenehm warm und die langsam vor­beiziehen­den Gletsch­er liegen in einem san­ften Licht. Vor uns schwim­men noch vere­inzelt große Eis­berge, dahin­ter ist nur noch das offene Meer.

Zwei Tage Schiff­sleben liegen vor uns. Zeit um das Gese­hene zu reflek­tieren und alles in uns aufzunehmen was wir die let­zten Tage erlebt haben bevor wir uns wieder in das Chaos der Zivil­i­sa­tion stürzen. Wir kom­men zurück nach Ushua­ia und die Ioffe legt am Hafen an. Als wir wieder fes­ten Boden unter den Füßen haben, wis­sen wir, dass wir zurück­kehren, noch mehr Fotos machen und Erin­nerun­gen gener­ieren wer­den.

Während wir so um die Antark­tis­che Hal­binsel herum­fuhren, raste die Zeit. Die Tage scheinen dop­pelt so lang zu sein und ver­schwim­men ineinan­der. Zwei Exkur­sio­nen pro Tag mit drei Mahlzeit­en dazwis­chen und vie­len Aktiv­itäten. Es geht um essen, erkun­den, essen, erkun­den, essen, schlafen und wieder von vorn.

Es gibt nicht genug Adjek­tive um diesen Ort zu beschreiben. Einen Ort, der so wild und ursprünglich ist. Das Gefühl, das wir hier haben, ist unbeschreib­lich. Es geht darum was wirk­lich zählt im Leben, denn man begin­nt die äußere Welt zu vergessen. Hier gibt es keine Autos, keine Hochhäuser, keine Mobil­tele­fone, Poli­tik oder auch nur Schlüs­sel. Die Ein­fach­heit des Lebens bringt eine Klarheit, die erhebend ist. Ein­fach in der Natur zu sein und Teil von ihr zu sein ist großar­tig. Aber auch die Schat­ten­seit­en — die Bedro­hung durch den Kli­mawan­del und den Men­schen — erteilt einem eine wichtige Lek­tion. Wir haben nur eine Erde und die ist wun­der­schön. Lasst sie uns gemein­sam schützen!

Die Antark­tis ist ein Ort von dem wir immer nur träu­men kon­nten. Der Weiße Kon­ti­nent ist nicht mehr länger nur ein Doku­men­ta­tions­film. Wir haben die eiskalte Luft auf der Haut gespürt, sind durch die drama­tis­chen Eis­land­schaften gefahren und haben seine Stille ver­nom­men. Diese Reise stellt sich als eins der größten Aben­teuer unseres Lebens her­aus. Und wie alle großen Aben­teuer, gehen wir mit einem Gefühl wahrer Verbindung mit diesem wilden Ort am Ende der Welt, der Antark­tis.

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