Mongolei: Bei den Nomaden am Khövsgöl See

Wir machen uns auf in den Norden der Mongolei – zum Khövsgöl See. Der Khövsgöl See ist der zweitgrößte und tiefste See der Mongolei. Die Westseite des Sees wird von Bergen dominiert, das Ostufer ist sanfter. Wir erleben die Region mit den nomadischen Familien, reiten auf Ponys, melken und treiben Yaks, lernen Mongolisches Barbecue kennen, besuchen die Rentierzüchter und trinken Milchwodka.

Die Mongolen haben Camping zu einem Lebensstil gemacht. Jeder Mongole, egal wie lange er in der Stadt gelebt haben mag, ist im Herzen ein Nomade. Der nomadische Lebensstil wurde einfach aus der Notwendigkeit geboren, das Vieh von einem grünen Grasplatz zum anderen zu treiben. Aber auch heute noch hat dieser Lebensstil Bestand. Viele Mongolen gehen in die Stadt um Arbeit zu finden, aber einige haben sich entschieden mit ihren Tieren auf dem Land zu bleiben um ihre Freiheit und Unabhängigkeit nicht aufgeben zu müssen.

Das Wichtigste sind Jurte und Vieh. Die Jurte kann schnell transportiert werden und die Tiere geben alle Notwendigkeiten von Essen, Milch, Transport und Energie (in Form ihres Dungs). Mongolen fühlen sich ihren Tieren so zugehörig wie einige Westler ihrem Auto,vor allem das Pferd nimmt hierbei eine besondere Rolle ein. Kinder lernen schon im Alter von zwei bis drei Jahren das Reiten. Ein mongolisches Sprichwort besagt „Ein Mann ohne Pferd ist wie ein Vogel ohne Flügel“. Um sich selbst versorgen zu können, braucht eine Familie etwa 300 Tiere, auch wenn reichere Familien mehr als das haben. Viele haben Radio, Handy und Satelliten-Fernsehen,98% der Bevölkerung kann lesen und schreiben. Die Kinder gehen im Winter in der nächsten Stadt zur Schule. Um genau diese Menschen, die Nomaden, zu besuchen und uns deren Lebensstil anzuschauen und daran teilzuhaben, fahren wir zum Khövsgöl See im Khövsgöl Nuur Nationalpark.

Einführung in die Mongolische Kultur

Um 10 Uhr haben wir eine Einführung in die Mongolische Kultur und Sprache und nach dem Frühstück checken wir aus um zu Ger to Ger zu gehen. Die Dame von gestern erklärt uns wie wir zu unserm Bus kommen und wie es dann weitergeht, dann spricht der Gründer der Organisation über die Geschichte der Mongolei, Sinn und Zweck seiner Organisation, die die lokalen Familien und somit nachhaltigen Tourismus fördert sowie Sitten und Gebräuche in der Jurte und bei den nomadischen Familien. Das ist durchaus interessant, aber er holt weit aus und redet schrecklich schnell, sodass wir kaum folgen können. Danach bekommen wir noch einige Worte und Sätze Mongolisch beigebracht um kommunizieren zu können. Wir bekommen ein kleines Handbuch wo all das nochmal drin steht inklusive kleinem Sprachführer.

Nach etwa vier Stunden sind wir fertig und gehen erstmal etwas essen. Mir ist etwas unwohl – die Hitze und alles ist etwas viel auf einmal. Mir schwirrt der Kopf von all den Informationen. Ich mag deshalb nur einen Salat essen. Aber versucht mal einen guten Salat in Ulan Bator aufzutreiben. in einem Café werde ich fündig, besonders ist der Salat im Café Amsterdam aber nicht. Dann gehen wir zum Department Store wo es für Alex noch ein Hammel-Schaschlik-Spieß gibt um uns dann im Supermarkt für die Busfahrt einzudecken, die uns über Nacht in 14 Stunden nach Mörön bringt, im Norden der Mongolei. Im Supermarkt finden wir sogar Vollkornbrot :)

Mit dem lokalen Bus nach Mörön im Norden der Mongolei

Dann geht’s zurück zu Ger to Ger, von wo aus wir ein Taxi zum Busbahnhof nehmen, der etwa 7km außerhalb des Zentrums liegt. Wir finden den Bus nach kurzem Fragen schnell, verstauen unser Gepäck und steigen in den Bus, der völlig überhitzt ist. Die Klimaanlage ist noch nicht in Betrieb und wir schwitzen wie verrückt nur im Sitzen. Nach einer halben Stunde nach eigentlicher Abfahrtszeit setzt endlich die Klimaanlage ein und weitere 15 Minuten später fahren wir los. Ich schlafe ziemlich schnell ein, da ich mir die halbe Nacht mit Bloggen um die Ohren geschlagen habe. Erst außerhalb der Stadt wache ich wieder auf. Wir fahren durch traumhafte Landschaften, mit grünen Hügeln, Herden von Yaks, Schafen, Ziegen oder Pferden, die Steppen gesprenkelt mit weißen Jurten. Eine unendliche Weite tut sich vor uns auf. Dann stoppt der Bus – vor uns ein Unfall. Ein Milchlaster ist mit einem Auto zusammen geprallt und liegt auf der Seite. Gerade wird der Laster wieder aufgerichtet und von der Fahrbahn geschafft, dann geht es weiter. Ein großer Auflauf am Unfallort, sogar Kameras sind dabei. So ein großer Unfall ist wohl eher ungewöhnlich in der Mongolei, obwohl man den Mongolen nachsagt, dass sie ihre Autos genauso fahren wie sie ihre Pferde reiten. In Ulan Bator muss man schon arg aufpassen, dass man nicht überfahren wird. Wir machen eine Stunde Pause in der die Mongolen Abendessen. Außer uns sind noch zwei Israelis und zwei-drei andere Ausländer im Bus, die lieber die Finger von dem Essen hier lassen, von dem uns explizit abgeraten wurde. Es wird dann schnell dunkel und wir versuchen zu schlafen. Mongolische Musik begleitet uns dabei.

Ankunft bei den Nomaden am Khövsgöl See
Nach etwa 14 stündiger Busfahrt kommen wir früh am Morgen in Mörön an. Unser Fahrer ist noch nicht da, wir setzen uns etwas rat- und orientierungslos an den Busbahnhof und warten. Immer wieder sprechen uns Leute an, die uns in die Guesthouses verräumen wollen. Dann kommt endlich unser Fahrer, dem wir nicht sofort trauen, aber er spricht von selbst „Ger to Ger“ an. Passt also alles. Der Supermarkt macht erst um 9 Uhr auf, weshalb wir vor verschlossenen Türen stehen. Kurzerhand nimmt er uns mit zu sich nach Hause, wo uns seine Frau fermentierte Stutenmilch, Wasser und harten Käse aus saurer Milch serviert. Dann fahren wir zum Supermarkt und kaufen ein paar Sachen ein, von denen wir denken, dass wir sie die nächsten Tage brauchen könnten: Ein bisschen Obst, Nüsse, Süßigkeiten, Wasser, Kekse. Danach gibt es etwas zu essen in einem örtlichen Restaurant. Reis, ein bisschen Salat und Hammel. Willkommen in der Mongolei :)

Wir fahren in etwa zwei Stunden bis zu unserem Ziel am Khövsgöl See. Es sind 130km, wobei die letzten 30km innerhalb des Nationalparks Khövsgöl Nuur eine Stunde verlangen. Auf dem Weg begegnen wir vielen Adlern, Zieseln, Pferden, Ziegen, Schafen und sogar zwei Rentieren. Wir kommen an zwei Jurten in Reichweite des Sees an, wobei eine für uns ist. Wir werden von der Dame des Hauses mit gesalzenem Milchtee willkommen geheißen. Wir checken nicht, dass es sich bei gelben gereichten Fladen mit Brot um Butter handelt und hauen uns viel zu viel auf unser Brot. Die Hausdame muss lachen, wir auch als wir verstehen. Es wäre so wie sich ein ganzes Päckchen Butter auf das Brot zu schmieren.
Wir machen ein Schläfchen um den kurzen, unruhigen Schlaf im Bus nachzuholen, dann unterhalten wir uns mit unserer Gastfamilie, die aus Vater, Mutter und ihren zwei Söhnen bestehen – einer davon noch ein Baby, der andere 10 Jahre alt. Anschließend gehen wir an den See, der etwa 15 Minuten von uns entfernt ist.

Als wir wieder zurück zur Jurte kommen, wird gerade ein Yak geschlachtet. Wir schauen beim Fellabziehen zu. Die gesamte Prozedur von Tötung über Fell abziehen, ausnehmen und zerteilen dauert etwa drei Stunden und drei Männer machen mit, plus der 10-jährige Sohn des Hauses. Dann werden wir zum Abendessen gerufen – Nudeln, Kartoffeln, sogar eine Möhre und Hammel. Deshalb können wir die weiteren Schritte zum Zerteilen des Yaks nicht mitverfolgen. Nach dem Essen sind von irgendwoher plötzlich viele Kinder aufgetaucht. Als an ein kleines Mädchen meine Kamera entdeckt, will sie erst Fotografin spielen, dann Modell und ich muss viele Fotos in allen erdenklichen Posenan ihr und ihrer Schwester machen und ihr zeigen. Sie ist begeistert. Sie ist fünf Jahre alt und gibt mir viele Anweisungen, die ich nicht verstehe, was sie nicht daran hindert sie immer wieder zu wiederholen.
Dann spielen wir Volleyball mit zwei älteren Mädchen,später kommen noch zwei Jungs dazu. Auch die Eltern spielen kurz mit.

Die Frauen melken abends die Yaks und die untergehende Sonne zaubert eine wunderschöne Atmosphäre über den Jurten.
Wir spielen bis es dunkel wird und gehen dann ins Bett in unserer Jurte. Es gibt hier drei Betten, einen Ofen in der Mitte und viel Butter. Alex und ich schlafen in einem Bett, Lea in einem anderen und Mama, Papa und ihre zwei Kinder in dem dritten Bett, da die andere Jurte mit dem Besuch besetzt ist. Zwischen den Eltern liegt ihr 9-Monate altes Baby, zu ihren Füßen liegt der 10-jährige Sohn.

 

Wie sieht so eine Jurte eigentlich aus?
Die Jurte ist das Zuhause der nomadischen Familien. In weniger als einer Stunde kann eine Jurte auseinander genommen und zu einem anderen Ort transportiert werden und garantiert somit die größtmögliche Flexibilität. Neben der Mongolei finden sich Jurten auch in ganz Zentralasien von Xinjiang bis nach Turkmenistan. Eine normale Jurte wiegt etwa 250kg und wird mithilfe von Kamelen oder Ochsenkarren, in der heutigen Zeit aber eher mit Autos transportiert.

Die Jurte ist außen mit Leinwand und einer isolierenden Schicht von Fell geschützt, die von einem hölzernen Rahmen gehalten werden. Seile aus Pferdehaar halten die Jurte zusammen. Im Winter werden einfach mehr Fellschichten verwendet als im Sommer. Zudem kann das Dach und sogar die Seiten geöffnet werden um so an heißen Tagen die Luft zirkulieren zu lassen.
Die „Fellmatten“ werden im Herbst hergestellt indem verschiedene Lagen Schafswolle auf den Boden gelegt, mit Wasser und Gras benetzt und dann fest aufgerollt werden. Danach wird das Ganze nochmal gewässert und kreuz und quer über die staubige Steppe geschliffen. Wenn die Matten dann trocknen, werden sie hart, bleiben dabei aber noch fexibel.

Die Tür einer Jurte zeigt immer nach Süden. Auf deren Türschwelle darf auf keinen Fall getreten werden. Innerhalb der Jurte sitzen die Gäste traditionsgemäß auf der Westseite, die Älteren im Norden. Im Norden befindet sich auch eine Art Familienaltar, wo heilige Besitztümer und auch Fotos aufbewahrt werden. In der Mitte der Jurte befindet sich der Ofen, der für Wärme sorgt und als Herd fungiert. Das Feuer im Ofen ist heilig und kein Müll darf hier drin verbrannt werden. Der Schornstein vom Ofen führt oben durch das Dach nach draußen. Manche Jurten haben in der Mitte auch einen kleinen Tisch mit kleinen Stühlchen. an den Wänden stehen die Betten, meistens zwei bis drei. Zwischendurch hängen Kochutensilien, Kinderspielzeug oder einfach Hammelfetzen. An den Wänden hängen Wandvorhänge und bunte Teppiche zur Dekoration.

Ponyreiten zu den Rentieren
Wir schlafen lange, aber auch für die Familie beginnt der Tag nicht viel früher. Zuerst wird das Feuer neu geschürt und Frühstück gemacht. Ich wasche mir die Haare im nahen Fluss und muss wieder ein paar Fotos von der Kleinen machen. Die Mädchen scheinen mich sehr zu mögen, die Jungs bevorzugen die Gesellschaft von Alex. Nie zuvor bin ich so gut mit Kindern klargekommen wie hier. Musste ich aber vorher auch nie. Die Kinder hier erscheinen mir unkomplizierter und heulen auch viel weniger. Die Familie selbst lebt sehr eng zusammen und untereinander hilft man sich viel, wie man schon bei Ganaa und ihrer Amelie sehen konnte. Jeder bietet Hilfe an, möchte sie mal halten, das Kind küssen und mit ihm ausdem Raum gehen. In Deutschland oder auch in Kanada undenkbar, wildfremden Menschen sein Baby anzuvertrauen, aber hier vertraut man sich. Dieser Zusammenhalt ist schön zu beobachten, macht er doch so einiges leichter. Auch die Männer kümmern sich rührend um die Kleinen. Natürlich können die Kinder schon früh reiten, schon mit zwei bis drei Jahren beginnen sie damit, und das sicherlich besser als wir je reiten werden. Das probieren wir gleich mal aus. Jeder von uns bekommt ein Pony und dann reiten wir etwa 10km zu einer Familie, die Rentiere an einer abgeschiedenen Stelle am See hält. Zuerst führen zwei Mongolen uns an der Leine, dann dürfen wir es alleine versuchen. Mein Pony ist allerdings eine ganz schöne Schlaftablette,so richtig kommt es nicht in den Gang. Dazu kommt, dass Mongolische Pferde anders geritten werden als man es sonst so lernt. Wir reiten über Wiesen und durch die Wälder, vorbei an vielen Zieseln und Adlern bis zur Rentierfamilie. Die Volksgruppe, die Rentiere züchtet, heißt Tsaatan. Unser Gastvater, der einer unserer Pferdeführer ist, singt uns mongolische Lieder, was den Ritt durch den Wald wirklich sehr atmosphärisch macht. Bei der Rentier-Familie bekommen wir Rentiermilch und ein Mittagessen bestehend aus Nudeln, Kartoffeln, Möhrenstücken und Hammelfleischwürfeln. Das mongolische Essen stopft ganz schön, aber die Milch ist wirklich lecker. Die Rentierfamilie schnitzt Figuren aus Rentiergeweihen, der Familienälteste schnitzt sogar Pfeifen aus Wurzeln. Wir werden in ihr Zelt eingeladen, das sanders als bei den meisten Volksgruppen der Mongolei wie ein Tipi aussieht. Wir schauen uns die Rentiere an und genießen die wunderschöne Aussicht auf den See. Normalerweise reiten die Rentierfamilien ihre Rentiere auch, aber das männliche Rentier hat gerade eine Fußverletzung.Zurück geht es in 5km auf direktem Weg durch den ufernahen Wald, bei dem die Ponys immer wieder über Baumstämme und Wurzeln steigen müssen und uns Äste ins Gesicht schlagen zu drohen. Heute Nachmittag klappt das Reiten schon besser, ich schaue mir ein bisschen was bei meinem Führer ab. Gegen 5 Uhr gehen wir zum See um ein Bad zu nehmen, das ziemlich frisch ist. Wir sitzen noch eine Weile am Strand und genießen den Ausblick, dann kehren wir zurück und beobachten das Melken der Yaks. Die weiblichen Yaks werden in ein Gatter getrieben und für die Zeit des Melkens von ihren Kälbern getrennt und gemolken, was durchaus eine Weile dauert. Danach werden alle wieder freigelassen. Ein Baby-Yak verpasst den Anschluss und sucht in der Nähe des Gatters nach seiner Familie, nicht sehr erfolgreich.

Eine Reise mit dem Ochsenkarren
Der Morgen beginnt damit, dass ein Schaf geschlachtet wird. Im Gegensatz zu dem Yak gestern, wird das Schaf getötet indem auf Höhe des Brustkorbs ein Schnitt gemacht wird, man seine Hand hineintaucht und eine Artiere nahe am Herzen abdrückt. Nach etwa 30 Sekunden stirbt das Schaf, dann wird es gehäutet, ausgenommen und aufgehängt. Alex hilft fleißig mit. So am Morgen, direkt nach dem Aufstehen ist mir nicht so richtig wohl dabei.

Dann fahren wir mit dem Ochsenkarren bis an das Kap. Der kleine Junge unserer Familie begleitet uns sowie ein älterer Junge aus der Nachbarschaft. Sie treiben den großen schwarzen Ochsen mit Stöcken und Seilen an. Er zieht den Karren – eigentlich eine kleine Plattform auf Rädern – mit Hilfe eines einfachen Geschirrs, das über seinen Kopf gelegt wird und mit Seilen und Holzbalken mit dem Wagen verbunden ist.
Auf dem Hinweg ist er noch recht schwerfällig, aber zurück geht er flott bis zur Jurte. Ich schätze, er weiß, dass es nach Hause geht. Als wir durch eine Yak-Herde kommen, läuft uns ein zotteliger Yak-Bulle blökend hinterher. Er mag es wohl nicht, dass ein anderer Ochse durch sein Revier streift. Bequem ist die Fahrt sicher nicht und man ist kaum schneller als zu Fuß. Aber man bekommt ein Gefühl dafür wie beschwerlich das Reisen gewesen sein muss. Bevor die Leute Autos hatten, haben sie ihre Jurte auf Pferden und Ochsenkarren transportiert – oft viele hundert Kilometer weit. Mittlerweile ziehen die Nomaden nur noch 2 bis 4 Mal im Jahr um. Die Jurte lässt sich innerhalb einer Stunde zusammenbauen.

Irgendwann reißt das Seil mit dem der Ochse am Wagen befestigt ist, aber das ist schnell repariert. Am Kap findet sich ein felsiger Hügel mit Ovoos (Steinhaufen mit bunten Bändern). Hier gibt es Mittag – diesmal gefüllte Teigtaschen. Mir ist aber gar nicht nach Essen zumute, mir geht es nicht gut. Alles an meinem Körper schmerzt, ich friere und ich bin total erschöpft, mag am liebsten nur in meinem warmen Schlafsack schlafen. Deshalb kann ich es heute leider nicht genießen. Ohnehin ist es aber sehr bewölkt und frisch. Auf dem Rückweg zum Karren spiele ich Stockkampf mit den Jungs und Lea unterliegt beim Wrestling mit dem 10 jährigen Jungen.

Zurück bei der Jurte lege ich mich sofort hin, nehme noch eine Paracetamol und schlafe sofort ein. Inzwischen fängt es an zu regnen. Ich bin heute nicht mehr zu viel zu gebrauchen, esse nur noch ein wenig Eintopf und frischen Joghurt, dann schlafe ich wieder.

Umzug zur zweiten Gastfamilie
Beim Aufwachen geht es mir etwas besser als gestern, aber noch immer ist jede Bewegung eine Qual. Ich zwinge mich zum Frühstück zumindest etwas Tee zu trinken. Dann reiten wir etwa eine halbe Stunde zur nächsten Familie. Es regnet noch immer leicht, was aber mit Regenhose und -jacke kein Problem ist. Alex darf wieder alleine reiten. Mir geht es, sobald ich auf dem Pferd sitze, wieder leidlich. Unser Gastvater der letzten Familie bringt unser Gepäck auf seinem Motorrad nach. Es stellt sich heraus, dass er der Schwager unseren zweiten Gastvaters ist, denn seine Frau ist die kleine Schwester von der Frau unseres zweiten Gastvaters. Diese Verwandtschaftsverhältnisse untereinander klären sich aber erst nach und nach. Nach dem Willkommens-Milchtee und Brot mit Butter sowie selbst gemachter Rharbarbar-Marmelade, spielen wir mit unserem ersten Gastvater eine Runde Poker. Die erste Runde gewinne ich, die zwei folgenden er. Dann gibt’s Mittag und wir gehen danach mit den zwei Jungs unseres neuen Gastvaters ein wenig nach draßen. Sie ziehen uns von einem Fluss und Tümpel zum nächsten und zeigen uns kleine Fische. Wir spielen mit den Jungs, spritzen uns gegenseitig nass und machen allerhand Unfug. Die Buben sind am Ende ganz nass und dreckig.

Wir kehren wieder in die warme Jurte ein, wo es stets nach saurer Milch riecht. Die Jungs sind noch nicht ausgelastet und spielen mit allem das sie finden. Meine Kamera, das Knutschekrokodil oder das Taschenmesser von Lea. Wir chillen ein wenig und helfen dann etwas beim Kochen des Abendessens mit. Ich habe langsam wirklich genug von Hammelfleisch, denn das ganze Essen schmeckt danach. Offenbar ist es aber kein Problem vegetarisches und sogar veganes Essen zu bekommen, denn Lea ist Veganerin. Nudeln, Kartoffeln, Möhren und Kohl sind verfügbar. Zum Frühstück gibt es frisches Brot, Butter und Marmelade. Bei unserer zweiten Familie sogar selbst gemachte Rharbarbar-Marmelade. Nach dem Essen treiben wir die Yaks zusammen, laufen hinter ihnen her und rufen laut „Ush“ und machen uns dabei groß. Das ist ganz schön anstrengend. Die weiblichen Yaks werden in ein Gatter gefühlt und von ihren Kälbern getrennt, dann werden sie gemolken. Pro Yak braucht die Hausherrin eine bis fünf Minuten. So dauert das so seine Zeit, bei etwa 20 Yaks. Dann versuche ich mich am Melken, was gar nicht so einfach ist. Bei ihr schaut das so einfach aus. Aber ich bekomme nicht mehr als ein paar Spritzer Milch in meinen Eimer und auf meine Kleidung. Lea und Alex haben noch weniger Erfolg dabei, geben aber schneller auf. Die Zitzen eines Yaks sind ziemlich kurz, sie fühlen sich warm und glitschig durch die Milch an. Der Hausherr hat 500 Schafe, 300 Ziegen, 50 Yaks und 30 Pferde. Damit ist man gut beschäftigt.
Vor dem Schlafengehen treiben sie noch die Ziegen in ein Gatter, die Schafe daneben und die Yaks zusammen. So sind sie in der Nacht von wilden Tieren geschützt. Hier hüten sogar zwei Hunde die Tiere und sie sind dabei sehr aufmerksam. Zu nahe kann man den Hunden hier nicht kommen, sie sind keine Haustiere, sondern für den Schutz der Tiere als Lebensgrundlage der Familie zuständig. Sie würden uns und sogar manchmal die Familie beißen.

Jeden Morgen und Abend werden die Yaks zusammengetrieben und gemolken, die Schafe und Ziegen werden morgens freigelassen und abends wieder eingetrieben. Tagsüber wird geschaut wo eigentlich die ganzen Tiere verblieben sind, denn hier gibt es keine Zäune, die ihr Weidegebiet begrenzen würden.

Einblicke in das Nomadenleben
Schon am Morgen sind die Jungen sehr lebhaft und spielen, sind bald in unserer Jurte und untersuchen alles, was sie in die Finger bekommen können. Einer liebt meine Kamera, schaut sich immer wieder die Bilder darauf an und knipst selberfleißig. Besonders fasziniert sind die beiden von den Baikalrobben. Ich glaube sie haben keine Ahnung was das für Tiere sind, ich kann es ihnen aber auch schwer erklären – die Gesten bringen sie offenbar nicht weiter. Bei unserer ersten Familie sprach unser Gastvater noch ein wenig Englisch, hier sprechen sie nur noch Mongolisch.
Dann gibt’s Frühstück, ich schleckere leckeren Joghurt mit Marmelade. Wir gehen baden in dem kleinen Fluss, denn heute strahlt die Sonne wieder vom Himmel und es ist sehr warm. Zeit sich mal wieder komplett zu waschen.

Nach dem Frühstück bekomme ich das Baby unserer ersten Gastfamilie, die zu Besuch da sind, in die Hand gedrückt und gebe darauf acht. Schon verrückt, vor kurzem hatte ich noch nie was mit Babys und Kindern zu tun und nun sehr intensiv. Das klappt auch ganz gut, zumindest bis der kleine 9-Monate alte Junge mich anpinkelt. Windeln verwendet man hier nicht. Das Baby wird einfach nach draußen gebracht um sein Geschäft zu erledigen. Das übernimmt dann eine ältere Frau, offenbar die Großmutter. Insgesamt kann von Babysicherheit keine Rede sein in so einer Jurte und darum herum. Überall liegen Messer herum, der Ofen ist glühend heiß, den Kopf kann man sich überall stoßen, Autobatterien stehen herum. Aber irgendwer schaut immer auf das Baby auf und so passiert kaum etwas. Selbst die jungen Buben betreuen schon früh die Babys. Dann gibt es Mittagessen, diesmal esse ich fast auf – ich bin stolz auf mich.

Nach dem Essen besteigen wir den kleinen Hügel hinter unserer Jurte, immerhin eta 1.800m hoch, denn unsere Jurten befinden sich schon sehr weit oben auf rund 1.600m – sehen von oben die Schafe und Ziegen am Fluss grasen, die Weite der Steppe und der Taiga und den See. Auf dem Weg finden wir ein totes Schaf, das anscheinend in der Nacht von einem wilden Tier gerissen wurde. Unser Gastvater sagt es wäre ein Adler gewesen?! Wir können uns das gar nicht vorstellen.

Am Nachmittag passiert nichts – wir relaxen in unserer Jurte, spielen Stadt-Land-Fluss, streiten darüber ob Zypern ein Land ist (ist es wohl!), lesen ein wenig. Alex lässt sich von unserem Gastvater den Destillationsprozess von Milchwodka erklären:

Wie man aus Milch Schnaps macht (von Alexander Horn)
Man nehme eine große Schüssel mit Milch. Aus dieser Milch wird nach ca. 15 Tagen Joghurt. Dieser Joghurt wird wird dann regelmäßig gestampft um den Gärungsprozess voranzutreiben. Die Fässer lagern in der Mitte der Jurte und man kann zusehen wie durch die Gärung Blasen in dem Joghurtfass aufsteigen. Weiter erfüllt der gärende Joghurt die Jurte mit einem leicht säuerlichen Aroma. Nach ca. 10 Tagen ist der Joghurt ausreichend gegärt. Nun kommt der spannende Teil. Über einen klassischen Destillationsprozess wird nun der durch die Gärung enstandene Alkohol aus dem „Joghurt“ gewonnen. Dazu wird der „Joghurt“ über dem offenen Feuer erhitzt um seine flüssigen Bestandteile zu verdunsten. Die Schale befindet sich in einem Zylinder welcher verhindert, dass der kostbare Dampf in der Jurte verschwindet. Oben auf dem Zylinder steht eine Schale mit kaltem Wasser, welche dem Zylinder von oben abdichtet. Der Milchschnapsdampf kondensiert nun an der kalten Oberfläche der Schale und läuft an ihr hinab. Unter der Schale ist im Zylinder ein Topf aufgehängt, welcher den Schnaps auffängt. Fertig ist unser Milchschnaps. Er schmeckt leicht säuerlich und hat ca. 10% Alkohol. Wenn meine Beobachtungen stimmen, wird er am liebsten aus einen 0,2l Glass getrunken. Oft auf Ex und gerne auch schon zum Frühstück. Unser Gastvater stellt auf diese Weise etwa 60l Milchschnaps im Jahr her. Zur Veranschaulichung und Nachmachen gibt es auch noch meine detailierten Aufzeichnungen.   

Erst am Abend kehrt das Leben zurück. Wir fahren mit dem Pick-Up die Schafe suchen, dann gibt es Abendessen – wieder extrem hammelig riechend. Ich kann schon gar nicht mehr hinsehen. Ich vergnüge mich lieber mit Joghurt.

Nach dem Essen holen wir die Yaks mit dem Truck, die Schafe und Ziegen folgen  von alleine und trudeln alle nach einander bei den Jurten ein.  Am Horizont tauchen langsam weiße, braune und schwarze Flecken im Gegenlicht aus, es erschallen „Mähs“, die immer näher kommen in der staubigen Landschaft.
Wir holen neues Feuerholz und treiben die weiblichen Yaks zum Melken ins Gatter. Nach einer Pause treiben wir die Ziegen ins eine Gatter und die restlichen Yalk-Kälber ins andere. Die Yak-Kälber sind so vor wilden Tieren geschützt und die Yaks entfernen sich nicht weit von ihnen. Die Ziegen kommen in ein Gatter, weil sie dazu neigen sich weit von den Jurten zu entfernen, ebenso wie die Yaks, und dann nicht mehr im Schutz der Jurte und der Hunde stehen. Schafe hingegen entfernen sich nicht weit von den Ziegen, also bleiben auch sie zur Nacht hier, müssen aber nicht in ein Gatter. Sie stehen einfach um das Ziegengatter herum.

Wir spielen noch mit den nimmer müden Jungs von denen sich der Jüngere ganz schön unterbuttern lässt von seinem nur 1 Jahr älteren, sehr frechen Bruder. Wir schauen auf, dass jeder Mal Karussell mit uns spielen darf. Gut, dass wir zu zweit sind :)

Kindergeburtstag im Rharbarbarfeld und großes Abschiedsgelage
Heute hat der größere der beiden Jungen Geburtstag, aber groß gefeiert wird das nicht. Verwandte sind da – die Familie des Bruders unseres Gastvaters – und wir fahren mit ihnen in ihrem Bus. Wohin es gehen soll, haben wir nicht verstanden, nur dass wir uns was zu essen mitnehmen sollen. Wir fahren bei obligatorisher Mongolischer Musik durch die weite Landschaft und halten mitten im Nirgendwo an. Hier finden wir dann heraus um was es geht: Rharbarbar pflücken. Überall wächst hier wilder Rharbarbar und wir hangeln uns von einer Stelle zur nächsten um die grün-roten Stengel abzuschneiden. Man stelle sich das vor: Rharbarbarsammeln zum Geburtstag statt Vergnügungspark oder was man sonst so an Kindersgeburstagen klassischerweise macht. Hier kein Problem.

Wir sammeln sechs große Säcke Rharbar ein und machen dann eine ausgedehnte Picknickpause, umzingelt von Fliegen und Ameisen. Nach der Pause geht der Bruder vom Hausherren mit einem lustigen Hut mit Hasenohren bekleidet und mit Flinte auf Zieseljagd. Der Rest der Familie – die zwei Jungs von uns, zwei ältere Jungs (etwa 12 und 18) und die Mutter – pflückt weiter mit uns Rharbarbar. Wir machen das nochmal drei Stunden lang. Irgendwann haben wir ganz schön die Nase voll. Eigentlich sollten wir heute eine 20km Rundwanderung machen, die aus unbekannten Gründen leider ausfiel. Rharbarbarsammeln ist zwar für eine Weile ganz lustig, aber kein adequater Ersatz. Um 19 Uhr hören wir auf und warten nur noch auf den zurückkehrenden Jäger.
Eine Stunde später erscheint dieser, ohne Jagderfolg gehabt zu haben. Wir haben immerhin fleißig säckeweise Rharbarbar gesammelt. Etwas unzufrieden fahren wir wieder zurück, treffen dabei auf den blauen Pickup unseres Gastvaters, der schon auf der Suche nach uns ist – immerhin hat er heute morgen gesagt, wir seien um 18 Uhr wieder zurück, nun ist es schon 20 Uhr.

Zurück bei den Jurten, wird Feuer im Ofen gemacht – mit Steinen darin, die für ein typisches Mongolisches Barbecue verwendet werden. Eine große Schüssel Hammelfleisch steht bereit, dazu unverhältnismäßige Mengen an Beilagen: 2 Möhren, 4 Kartoffeln.
Ein großer Wok kommt auf den Ofen, darin Wasser. Zwiebeln und Fleisch wird dazugelegt und nach und nach die heißen Steine aus dem Ofen. Sie sorgen dafür, dass das Fleisch sowohl gekocht als auch gegrillt wird. Dazu kommen die paar Kartoffeln und Möhren, Deckel drauf und 30 Minuten köcheln lassen. Der Hausherr trinkt schon fleißig selbstgemachten Wodka, der allerdings nur etwa 10% hat. Es wird dann aber schnell zu richtigem Wodka übergegangen (im Mongolischen „Igis“ genannt). Als das Essen fertig ist, gesellen sich alle Männer, die inzwischen zu Besuch sind, in unserer Jurte und schmausen schmatzend das Hammelfleisch von den Knochen. Dann kommen die Frauen und Kinder dazu. Es gibt eine gewisse Hierarchie: DIe Männer sitzen am nächsten am Essen und reichen ihren dahinter sitzenden Frauen Fleisch und Wodka. Dann erst kommen die Kinder dran, die ab und an kleine Stücke Fleisch gereicht bekommen. Das Geburtstagskind darf sogar am Tisch sitzen und sich direkt Fleisch nehmen. So wird der Geburtstag doch noch zelebriert – auch wenn die Erwachsenen mehr von dem Gelage haben als die Kinder. Das Geburtstagskind bekommt einen Schulrucksack und Schulsachen geschenkt und er zeigt alles begeistert seinen Verwandten. Im nächsten Winter geht für ihn die Schule los und er freut sich sichtlich darauf. Die Alphabethisierungsrate in der Mongolei liegt bei 98%. Unter der Herrschaft der ehemaligen Sowjetunion wurde Wert auf eine für jeden zugängliche Schulbildung gelegt – mit Erfolg.
Unser Gastvater muss zwischendurch seine Yaks und Schafe zusammentreiben. Als er dazu kommt, gibt es kein Halten im Wodka-Fluss mehr. Eine Flasche nach der anderen zaubert er hervor. Der Abend endet damit, dass Alex unbewusst seine Stirnlampe verschenkt, mit ihm auf Bruderschaft trinkt und am Ende vom Stuhl fällt. Gut, dass er keine Tochte hat, sonst wäre Alex jetzt sicher auch noch verlobt. Dem Hausherren geht es allerdings auch nicht viel besser und wir Frauen haben unsern Spaß dabei verständnisvolle Blicke miteinander auszutauschen.
Zwei jungs und unsre Gasteltern schlafen bei uns in der Jurte – ich bin mir niht sicher ob aus Platzgründen oder weil er sich nicht mehr weit bewegen kann.

Zurück in die Zivilisation
Im Gegensatz zu Alex ist unser Gastvater schon früh wieder fit und gut drauf. Ein Gläschen Milschnaps am Morgen ist bei ihm schon wieder drin. Nach dem Frühstück – auf das Alex heute verzichtet – waschen wir uns im Fluss. Dann warten wir auf unserern Fahrer, dessen silberner Suzuki bald in der hügeligen Landschaft auftaucht. Alles geht hier langsamer von statten, genaue Zeiten nennt hier keiner. Er bekommt erstmal Speis und Trnk wie es sich gehört, dann verabschieden wir uns herzlich von der Familie.
Besonders ins Herz geschlossen haben wir den jüngeren Sohn der Familie, der sehr schüchtern und zurückhaltend ist. Ganz anders als sein frecher Bruder, der gestern 6 Jahre alt geworden ist.
Durch die wunderschöne Lanschaft des Nationalparks mit Blick auf den Khövsgöl See fahren wir zurück nach Mörön, wo wir wieder im selben Restaurant essen – und auch das selbe Gericht :) Diesmal aber ergänzt durch Cola und Sprite – Luxus der Zivilisation.

An der Busstation warten wir ewig bis unser Bus endlich losfährt, über eine Stunde später als geplant. Wir machen Pause in einem kleinen Ort mit Restaurant und kleinen Supermärkten. Wir erkunden in der Zeit ein wenig die Umgebung und nur wenige Schritte führen uns aus dem Ort hinaus in die weite Landschaft. Es begegnet uns ein junger, netter Mongole am Stadtrand, der sich mit uns auf Englisch unterhalten möchte. Er wird nach Japan gehen um Ingenieur zu werden. Allgemein wollen sich viele Leute mit uns unterhalten, sei es um ein einfach ihr Englisch zu trainieren und/oder aus reiner Neugierde.

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