Te Araroa: Der endlose Longwood Forest — Colac Bay bis Merrivale

Der Abschnitt durch den Long­wood For­est kostet uns viel Kraft, Zeit und Ner­ven. 57km führen uns durch dicht­en, matschi­gen Wald, aber auch auf zwei großar­tige Aus­sicht­spunk­te. Und schließlich ist der Wald auch wun­der­schön, ein wahres Totholz­paradies, was ich zwis­chen meinen Flüchen immer wieder fest­stelle.

13.02. Colac Bay bis Camp im Longwood Forest (7 km vor Martins Hut)

21 km / 7h

Bish­er unser härtester Tag. Wir hat­ten vorher ja schon etwas Angst vor dieser Etappe, 28,5km und 9 Stun­den. Muss wohl irgend­was bedeuten und tat­säch­lich wie befürchtet schaf­fen wir es heute auch nicht bis zur Mar­tins Hut.

Am Anfang gehts etwa eine Stunde an der Straße ent­lang, ganz gemütlich. Die Straße zum Long­wood For­est zweigt nach rechts ab und wir von Schäfchen umgeben. Dann kom­men wir an etwas vor­bei was wie der Park­platz aussieht, aber wir sind uns nicht so sich­er, da wir kein Schild sehen. Deswe­gen gehen wir weit­er, kurz danach checke ich aber das GPS und wir sind offen­bar zu weit gelaufen. Also einen extra Kilo­me­ter ein­gelegt, was uns später vielle­icht noch auf die Füße fällt. Tat­säch­lich war es also dieser Park­platz. Das Schild war etwas ver­steckt und die Toi­lette, die es da geben soll, ist auch im Wald ver­steckt. Wir machen eine erste Pause, dann gehen wir in den Wald. Die Mar­tins Hut ist mit neun Stun­den angeschrieben.

Der Long­wood For­est ist dicht bewach­sen, aber bess­er als gedacht. Es ist nicht matschig und der Weg ist sehr gut. Wir kom­men immer noch zügig voran. Je weit­er wir allerd­ings kom­men desto matschiger und schwieriger wird es und wir müssen uns durch dichte Farn­büsche kämpfen, aber am Anfang sind die Schilder sehr gnädig. Wir haben das 1 Stunde Schild nach vielle­icht 10 Minuten erre­icht. Das macht uns eigentlich Mut. Aber dann geht’s von dem Tageswan­derungsweg auf den Te Araroa Teil und der Weg wird immer schlim­mer je weit­er wir kom­men.

Am Anfang ver­suchen wir sog­ar die zahlre­ichen Matschstellen zu umge­hen, später ist uns das dann ziem­lich egal und wir patschen ein­fach hindurch.Teilweise ergibt sich sog­ar ein biss­chen Aus­blick aufs Meer und die Schaf­swei­den unter uns. Wir holen Michael ein mit dem wir mor­gens los­ge­gan­gen sind. Kurz darauf machen wir eine Pause und sehen ihn danach auch so schnell nicht mehr wieder.

Wir gehen durch den dicht­en Wald und Farne und viele Vögel begleit­en uns. Fäch­er­schwänze fliegen neugierig um uns herum und wir haben das Glück eine Maori-Frucht­taube in den Bäu­men zu ent­deck­en. Mit­tagspause bei der Hälfte des Weges und kochen uns Nudeln. Das tut ziem­lich gut, aber da denken wir auch noch dass wir die Hälfte bere­its hin­ter uns haben. Was auch der Fall ist, aber es wird jet­zt so richtig scheiße.

Der Weg wird immer und immer matschiger. Immer mehr Bäume liegen auf dem Weg herum und wir müssen immer wieder irgend­wo abklet­tern um über einen Tüm­pel zu gehen, der entwed­er gar keine brück­e­nar­tige Kon­struk­tion hat oder ein­fach einen Baum­stamm auf dem man bal­ancieren muss. Ein­mal ist der Baum­stamm aber etwas höher und sehr schmal und nach dem ersten Meter falle ich runter, was nicht so schlimm ist, weil es da noch nicht so tief ist. Beim zweit­en Ver­such bin ich vor­sichtiger und lasse mir Hil­festel­lung von Bengt geben. Ich schaffe es wohlbe­hal­ten hinüber, war aber schon ein biss­chen aufre­gend.

Zwis­chen diesen ganzen Stellen wo wir unter oder über Baum­stämme oder zu Tüm­peln runter- und wieder hochk­let­tern müssen kom­men wir auch noch zu ein­er Stelle, wo man entwed­er einen Meter runter in den Matsch sprin­gen muss. Let­ztere Option wäre irgend­wie nicht so kniefre­undlich und es sieht extrem matschig aus, sodass man richtig versinken würde wenn man dort hin­un­ter­sprin­gen würde. Auf der recht­en Seite befind­et sich aber ein schmaler Durch­schlupf unter Bäu­men. Ich denke erst ich könne darunter durch kriechen mit dem großen Ruck­sack, aber das funk­tion­iert nicht. Schließlich robbe ich hin­durch, bleibe aber zwis­chen­durch steck­en. Robben ist gar nicht so ein­fach, war ja auch nie bei der Bun­deswehr um das zu ler­nen.

Danach sehe ich auch wie ein Dreckspatz an Hose, Armen und Ruck­sack aus. Bengt macht das ele­gan­ter und hangelt sich mit Hil­fe der Bäume am Abgrund ent­lang. Über­haupt sieht er noch ziem­lich sauber aus, während meine Beine schon ziem­lich matsch beschmiert sind. Keine Ahnung wie er das macht. Dafür sam­melt er jede Menge Klet­ten an seinen Bein­haaren und wenn er ver­sucht die abzu­machen reißt er sich die Haare mit aus, weswe­gen er sie ein­fach dran lässt. So trägt er seinen Teil zur Ver­bre­itung der Samen bei.

Trotz allem wan­dern wir durch einen wun­der­schö­nen unberührten Wald mit jede Menge Totholzbiotopen. Alles kann vor sich hin mod­ern und ver­we­sen, alles liegt ein­fach rum. Als Wan­der­er vielle­icht nicht so angenehm, wenn ein Baum quer über dem Weg liegt, für die Natur ist es aber wun­der­voll und als Wald­fre­und geht einem das Herz auf.

Irgend­wann telle ich fest, dass wir mit etwa 1 km/h voran kom­men, behalte es aber erst­mal für mich. Das kann irgend­wie nicht stim­men, aber die fiesen Stellen ver­langsamen uns ordentlich. Dann wird es bess­er und wir kom­men immer­hin mit 3 km/h voran.

Wir tre­f­fen zwis­chen­durch zwei Pärchen, die alle ziem­lich entspan­nt ausse­hen und gle­ich zwei Tage­se­tap­pen hin­ter sich haben. Für die ist es ein recht ein­fach­er Spazier­gang, wie sie so schön sagen. Sie sagen nach zwei bis drei Wochen wird es uns auch bess­er gehen. Die let­zten haben gesagt nach ein­er Woche füh­le man sich bess­er. Was wohl stimmt? Wir gehen jet­zt mal von der einen Woche aus. Naja, eigentlich geht es ja schon von Tag zu Tag bess­er, wenn man nicht ger­ade so einen schwieri­gen Weg wie diesen hier hat.

Wir dacht­en wir kön­nten den Weg not­falls aufteilen, aber es gibt kein­er­lei Möglichkeit irgend­wo am Weges­rand das Zelt aufzustellen. Höch­stens mal zwei oder drei Stellen wo vielle­icht ein kleines Solo-Zelt hin­passen würde. Meist gibt es ein­fach nur dichte Veg­e­ta­tion und abschüs­sige Hänge links und rechts des Wegs. Wir tre­f­fen dann aber auf drei Wan­der­er, die direkt von Mer­rivale kom­men, also schon 34km in den Füßen haben, aber jet­zt auch irgend­wo dem­nächst zel­ten wollen.

Sie sagen uns dass wir nicht unbe­d­ingt zur Hütte gehen müssen, da deren vier Plätze ohne­hin voll sind. Und um die Hütte herum hat es wohl keinen Platz für Zelte mehr. Außer­dem sei die Hütte eh nicht beson­ders schön. Aber in so 600m käme ein guter Ort zum zel­ten. Wir sagen ihnen, dass es in ihre Rich­tung schw­er mit zel­ten wer­den wird, aber sie wollen trotz­dem gehen und not­falls ein­fach weit­er­laufen. Okay… Für die ist’s halt easy going. Sie sagen “This is par­adise for us. No mud, flat and easy”. Wir nur so “Wie, no mud? Habt ihr uns mal angeschaut?” Wir haben jet­zt ein bis zwei Kilo­me­ter voller Matsch hin­ter uns. Aber anscheinend wird es nun bess­er, was auch wirk­lich so ein­trifft. Also hof­fen wir, dass wir auch mor­gen etwas bess­er vorankom­men.

Wir freuen uns aber tierisch über die Infor­ma­tion. Keinem von uns ist danach noch bis zu dieser Hütte zu gehen und es macht auch kein Sinn, da kein Platz ist. Also ist es ein­fach die beste Möglichkeit, selb­st wenn wir noch laufen kön­nten und woll­ten. Tat­säch­lich kommt dann auf der linken Seite ein alter ver­rosteter Tank — der erste Zelt­platz. Aber sie sagten es gäbe noch einen zweit­en Spot der noch bess­er sei, auch an irgendwelchen ver­rosteten Met­al­lzeug was da noch von den chi­ne­sis­chen Mine­nar­beit­ern rum­liegt. Und tat­säch­lich kom­men wir da eine Minute später auch hin. Ebene Fläche, per­fekt, nur Wass­er gibts da nicht, aber wir haben noch genug, sodass wir davon essen kochen kön­nen und bis zum näch­sten Flüss­chen mor­gen klar kom­men soll­ten, denn davon gibts ja hier recht viele. Wir bauen das Zelt auf, kochen, essen.

So wer­den wir uns wohl noch zwei Tage in diesem Wald aufhal­ten, weil wir es mor­gen sicher­lich nicht schaf­fen bis zum Mer­rivale Road End zu kom­men. Wir haben auf jeden Fall genug zu essen dabei, da wir großzügig geplant haben, weil wir noch nicht wussten wie wir vorankom­men. Wir sind erschöpft, aber froh, dass wir einen schö­nen Camp­ing­platz und alles haben was wir brauchen.

14.02. Longwood Forest bis Camp vor Bald Hill

19km / 8h / 814hm

Wir starten ohne Früh­stück, da wir nicht soviel Wass­er haben und beschließen an der Hütte zu früh­stück­en. Kurz nach dem Start tre­f­fen wir einen Lübeck­er im Wald, der ganz schön wild aussieht. Nach so zwei bis drei Kilo­me­ter erre­ichen wir die ersehnte Schot­ter­straße im Wald, die ordentlich hin­auf führt. 

Rechts geht es von der Straße runter und ein Schild verkün­det 30 Minuten bis zur Hütte. Der Weg ist etwas matschig und geht steil hin­auf. Wir brauchen 7km und gute zwei Stun­den bis wir die Hütte erre­ichen. Wir früh­stück­en in der Hütte, die etwas dunkel und sehr rustikal ist. Da es aber die erste Hütte für uns ist, ist sie wun­der­schön für mich. Sobald die Sonne rauskommt, set­zen wir uns nach draußen und ich mache ein kleines Nick­erchen.

Inzwis­chen ist es aber schon Mit­tags als wir weit­erge­hen. Hin­ter der Hütte geht es weit­er bergauf, weit­er durch den Wald bis er lichter wird und in Büsche überge­ht. Schließlich gibt es nur noch Gras und wir haben unsere ersten Aus­sicht­en auf das Meer und die Colac Bay und River­ton. Wir kön­nen sog­ar Bluff erah­nen, wo wir vor sechs Tagen ges­tartet sind. Wir machen wieder eine Pause und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Ein biss­chen faul sind wir heute schon.

Als wir weit­erge­hen kann ich in der Ferne den Bald Hill aus­machen, wo wir noch heute hin­wollen und der sieht noch ver­dammt weit weg aus. Es geht wieder runter und wieder hoch und wieder runter, immer auf ver­schiedene kleine Hügel mit viel Gras und Matsch.

Wir ler­nen, dass viele Kat­e­gorien von Matsch gibt: Trock­en­er Matsch, der gut durchgetrock­net und gut bege­hbar ist; sta­bil­er Matsch, der zwar feucht, aber gut bege­hbar ist; ein­nehmender Matsch, wo wir ordentlich einsinken; fieser matschiger Matsch in den man so richtig einsinkt und den Matsch, der eigentlich mehr Wass­er ist als Matsch und bei dem der Matsch oben in die Schuhe ein­dringt. Diese Erfahrung habe ich heute ein paar Mal gemacht. Mit großer Ziel­sicher­heit finde ich gerne die tief­sten Stellen im Matsch. Außer­dem gibt es noch den ver­steck­ten Matsch unter Gras, den man vorher nicht sieht.

Es fol­gt Grasland­schaft und dann geht es steil abwärts durch den Wald, der uns wieder mit einem Haufen Matsch, Bäu­men, Wurzeln und Steinen empfängt. Meine Füße schmerzen und wir erre­ichen eine Art moralis­chen Tief­punkt. Wir haben bei­de so einen Moment in dem wir den Trail ver­fluchen und uns fra­gen was wir hier eigentlich tun.

Wir machen eine Pause, essen was und denken über die Leck­ereien dieser Welt nach woraufhin es uns bess­er geht. Essen oder nur an Essen denken hil­ft irgend­wie immer. Wir gelan­gen zum Stein­bruch, der den tief­sten Punkt markiert. Von hier geht nun eine Straße bis hin­auf zum Bald Hill — völ­lig matschfrei und gut zu gehen. An der Straße find­en wir ebene Flächen, die Zelt­platz geeignet sind weshalb wir unseren Tag hier been­den. Somit bleiben uns für mor­gen noch 17km bis zur Straße. Nach­dem wir hier so liegen und voll gefut­tert sind geht es uns auch schon viel bess­er. Heute werde ich wohl von Matsch träu­men. Der Matsch den wir bish­er hat­ten war nichts gegen diesen Matsch den wir heute hat­ten. Laut SOBOs ist das aber noch gar nichts. Ich will gar nicht wis­sen was für sie Matsch bedeutet.

15.02. Aufstieg Bald Hill bis Merrivale Road

17 km / 5h / 505hm

Wir schlafen recht lange. Nach einem reich­halti­gen Früh­stück ziehen wir den Forstweg bis zum Gipfel durch. Am Gipfel ist es allerd­ings recht ungemütlich windig, aber die Aus­sicht ist trotz­dem schön.

Von nun an geht es nur noch bergab. Erst­mal durch offene Wiese. Es sieht nach Regen aus und ich spute mich in den Wald zu kom­men wo es dann auch anfängt. Es ist ein biss­chen matschig, geht ein biss­chen über Stock und Stein steil bergab bis wir die Forststraße, die Mer­rivale Road, erre­ichen. Endlich lassen wir diesen Long­wood For­est hin­ter uns, der uns so viel Ner­ven, Kraft und Zeit gekostet hat. Klar, es war nur der erste von vie­len Wäldern, die noch vor uns liegen, aber wir sind trotz­dem erst­mal froh hier raus zu sein.

Wir kom­men in einen Wald mit hohen und dün­nen Bäu­men, die bedrohlich im Wind knar­ren und qui­etschen. Hier begeg­nen wir wieder einem Igelchen. Wir ver­lassen auch diesen Wald und ste­hen plöt­zlich mit­ten im Farm­land, Wei­den, Wiesen, Schafe, Ren­tiere um uns herum. Mir tun die Füße weh, aber wir wollen die Straße erre­ichen und damit die Zivil­i­sa­tion. Kurz vor der Straße kom­men zwei Wan­der­er aus der Mer­rivale Hut und wollen offen­bar eben­falls zur Straße. Es kann doch nicht sein, dass wir den ganzen Tag nie­man­den begeg­nen und aus­gerech­net jet­zt wollen auch zwei an der gle­ichen Stelle wie wir in die Stadt hitchen, was sich­er nicht von Vorteil ist um ein Auto anzuhal­ten. Wir machen erst­mal Pause und laufen dann Rich­tung Otau­tau weit­er. Wir hal­ten den Dau­men raus sobald ein Auto an uns vor­bei kommt. Kurze Zeit später hält tat­säch­lich eins an, ein Straße­nar­beit­sL-KW mit einem net­ten Her­ren der uns bis nach Otau­tau bringt.

Das hiesige BBH stellt sich als nicht mehr exis­tent her­aus und so lan­den wir auf dem Camp­ing­platz, der aber ziem­lich cool ist. Zwis­chen­durch essen wir erst­mal eine Piz­za im Otau­tau Hotel. Die Besitzerin des Camp­ing­platz kommt ger­ade an uns vor­bei als wir auf dem Weg sind, nimmt uns die let­zten Meter im Auto mit und schenkt uns sog­ar noch Tomat­en aus ihrem Garten. Hier kann man kosten­los waschen und es gibt eine Dusche und das alles nur für 10$ pro Per­son. Wir duschen uns und müssen mächtig schrubben bis der Matsch von Füßen und Beinen ver­schwindet. Am näch­sten Tag machen wir einen Pausen- und Waschtag in Otau­tau.

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