Hochtourenkurs am Großvenediger:
Lehrreich, aber erdend

Posted: 18. März 2015

Über den DAV haben wir einen Hoch­tourenkurs in der Venedi­ger­gruppe gebucht. Inhalte des Kurs­es sind Gelän­de­beurteilung, Spu­ran­lage, Touren­pla­nung, Ori­en­tierung, Seil­tech­nik, Meth­o­d­en zur Bergung aus Gletsch­erspal­ten, Ein­führung in das Gehen mit Steigeisen und Benutzung des Pick­els.

Wir haben nun zwar schon ein paar Hoch­touren hin­ter uns, wollen aber alles nochmal gescheit von Grund auf ler­nen, sodass wir nicht mehr nur mit­ge­hen, son­dern auch selb­st kom­plett über Tour, Ver­hält­nisse und Bergungs­maß­nah­men im Bilde sind. Wir haben uns die Venedi­ger­gruppe einzig aus dem Grund aus­ge­sucht, weil wir in den  Hohen Tauern noch nie waren. Immer­hin das Gebirge, das den höch­sten Gipfel Öster­re­ichs enthält — den Groß­glock­n­er, aber auch der Großvenedi­ger ist nicht min­der bekan­nt.

1. Tag — Anreise zur Johannishütte (2.121m)

Früh am Mor­gen starten wir in München und gelan­gen in etwa drei Stun­den nach Hin­ter­bichl im Vir­gen­tal. Am Park­platz Wiesenkreuz tre­f­fen wir die weit­eren Kursteil­nehmer und unsere Kurslei­t­erin. Wir steigen bei strahlen­dem Son­nen­schein durch das Dor­fer­tal hin­auf, einem klas­sis­chen Trog­tal. Über Forstweg geht es erst gemäch­lich, dann in Ser­pen­ti­nen hin­auf bis zum Gumpenkarkreuz. Der erste Teil des Afustiegs quert zahlre­iche steile, law­inenge­fährdete Hänge, die sich nun aber bere­its ent­laden haben. Wir haben nicht viel Schnee unter­halb von 2.000m, weshalb immer wieder kurze Tragestreck­en ange­sagt sind. Nach etwa 2,5h gelangt man zur Johan­nishütte auf 2.121m, die auf der Süd­seite des Großvenedi­gers liegt, und ein guter Aus­gangspunkt für ver­schiedene Touren — sowohl Ski- als auch Hoch­touren — ist.

Unter­halb von der Johan­nishütte liegt die Ochsner­hütte und wir lassen uns gle­ich mal in die Irre führen indem wir dem Glauben ver­fall­en, die Johan­nishütte sei die Ochsner­hütte, die aber nicht­mal bewirtschaftet ist und machen so ein paar Höhen­meter zusät­zlich — auf der ver­meintlichen Suche nach der Hütte. Bei der Mate­ri­al­seil­bahn zum Defreg­ger­haus kehren wir um und dann wird uns bald klar, dass wir uns verun­sich­ern haben lassen.

Die Hütte war natür­lich die Johan­nishütte! Soviel zum The­ma Ori­en­tierung… Tat­säch­lich hat sich auch kaum ein­er mit dem Hüt­te­nanstieg befasst. Das soll immer wieder ein The­ma in den näch­sten Tagen wer­den. Nur allzu oft fol­gt man beste­hen­den Spuren und Schildern ohne darüber nachzu­denken ob dies wirk­lich die gün­stig­ste Wahl ist — aus Law­inen- als auch aus Gelände-Sicht.

Wir tanken kurz Sonne auf der Ter­rasse, die dann bald hin­ter den Bergen ver­schwindet. Wir gehen ins Innere, essen leck­eren Mar­il­lenkuchen und besprechen die näch­sten Tage und unsere Vorstel­lung. Auch wer­den die Teil­nehmer in zwei Grup­pen eingeteilt und jew­eils eine Gruppe plant die Tour zur Krist­wall­wand oder zur Weißspitze. Für die inten­sive Touren­pla­nung ist der Law­inen­lage­bericht natür­lich Grund­lage, eben­so wie das Wet­ter.

Darauf fol­gt die Pla­nung anhand der Karte. Check­punk­te wer­den definiert, die sich sowohl auf Gelände, Ori­en­tierungspunk­te (z.B. markante Felsen), Rich­tung als auch auf Gefahren­quel­len/-stellen beziehen kön­nen. Wir ler­nen die Karte in allen Einzel­heit­en zu lesen — Rin­nen, Mulden und Rück­en zu erken­nen. Unsere Dreier­gruppe plant die Weißspitze, aber schon während der Pla­nung wird uns klar, dass es diese Tour wohl eher nicht wer­den wird. Zuerst ist die Route mit der Kristall­wand iden­tisch, geht dann aber über ein Törl, das Klet­ter­stellen im II. Grad aufweist, weit­er. Das muss jet­zt noch nicht sein.

Die Johan­nishütte selb­st ist super. Das Essen ist gut und reich­haltig, die Atmo­sphäre gemütlich, die Wirte sehr nett und die Lager fre­undlich und geräu­mig.

2. Tag — Tourentag mit Gletscher

Nach dem Früh­stück besprechen wir unsere Touren­pla­nun­gen und es fällt die Entschei­dung für die Kristall­wand, vor allem wegen der gerin­gen Schnee­lage. Mit der Law­inenge­fahr haben wir Glück dieser Tage — über­halb von 2.000m haben wir eine Law­inen­warn­stufe von 2. Wir starten gegen neun Uhr im dicht­en Nebelmeer, das die Ori­en­tierung erschw­ert. Wir kom­men nur langsam voran, da wir immer wieder ste­hen­bleiben und die Rich­tung und beste Routen­wahl neu disku­tieren. Ich habe sowieso keinen Plan wo ich eigentlich bin. In den Hohen Tauern gibt es immer Wind und so sind nicht mal richtig andere Spuren auszu­machen an denen man sich grob ori­en­tieren kön­nte (auch wenn wir das nicht mehr tun sollen…).

Mir schwant, dass das alles schw­er­er wird als gedacht. Direkt hin­ter der Hütte gibt es eine erste Steil­stufe, dann geht es rechts an der Mate­ri­al­seil­bahn vor­bei zur näch­sten Steil­stufe. Wir fol­gen dem Bach­tal des Zettalu­nitzbachs Rich­tung Nor­dosten zum Gletsch­er des Zettalu­nitz­kees. Am Gletsch­er, unter­halb des Klex­enköpfls seilen wir uns an und gehen in zwei Dreier­seilschaften weit­er. Zwis­chen­durch reißt die Wok­endecke auch mal auf und etwas Sonne eröffnet einen Blick ins Gelände. Wir erhaschen auch einen Blick auf das Wall­horn­törl, über das man zur Weißspitze gelan­gen würde.

Allzu weit kom­men wir nicht, schon am Klex­enköpfl kehren wir um, denn das Wet­ter wird zunehmend schlechter. Ich fahre das erste Mal mit Seil ab, was gewöh­nungs­bedürftig ist. Unsere Seilschaft kommt allerd­ings ganz gut klar, die zweite ist mehr mit Disku­tieren beschäftigt als mit Fahren. Viel abstim­men kann man gar nicht, wir fahren ein­fach und jed­er passt seine Fahrweise dynamisch an. Hier geht es nur um Sicher­heits­fahren, nicht um Skispaß.

Es wech­selt eher zwis­chen Bögen, Seitlichen Quer­fahrten und Schneep­flug. Wichtig ist, dass das Seil immer auf Zug ist, so kann man auch nicht über das Seil fahren. Ist aber schon ein biss­chen gruselig vom Seilzug nach unten gezo­gen zu wer­den. Deshalb fährt auch der schlecht­este Ski­fahrer vorne und gibt das Tem­po an, muss sich auch nicht auf das Seil konzen­tri­eren. Der beste Ski­fahrer fährt in der Regel hin­ten.

3. Tag — Spaltenbergung

Heute ist rein­er Aus­bil­dungstag und nach ein biss­chen The­o­rie über Gletsch­er, ste­ht Spal­tenber­gung auf dem Pro­gramm. Wir bilden wieder zwei Dreier-Seilschaften — eine Frauen- und eine Män­ner­gruppe. Wir Frauen kom­men ganz gut klar, aber das Hochziehen über die “lose Rolle” ist doch nicht so ein­fach und kostet viel Kraft. Das wieder­rum haben die Män­ner deut­lich bess­er drauf. Ein­er von uns lässt sich immer einen Abhang hin­unter rutschen, die anderen zwei müssen ihn wieder her­aufziehen. Nach zweifachem Durch­gang fühlen wir uns dabei recht sich­er. Es hil­ft aber auch, dass wir das vorher schon­mal pri­vat geübt haben, wenn auch mit ein­er etwas anderen Tech­nik.

Am Abend sitzen wir noch lange über der Touren­pla­nung für mor­gen. Es soll dies­mal wirk­lich zur Kristall­wand gehen und über eine Alter­na­tive wieder hin­unter. Entwed­er west­lich des Klex­enköpfls oder über das Defreg­ger­haus. Sechs Köche verder­ben schon ganz schön den Brei und es dauert lange bis wir uns eini­gen kön­nen. Ich bin schon bald nicht mehr auf­nah­me­fähig, denn ich bin ziem­lich müde vom Tag, und freue mich als ich endlich ins Bett komme.

4. Tag — Windige Tour zur Kristallwand

Heute starten wir die Tour zur Kristall­wand. Um 7 Uhr mor­gens brechen wir auf, das Wet­ter heute ist zwar nicht klar, aber bess­er als am zweit­en Tag. Dies­mal ken­nen wir schon einen Teil der Strecke und kom­men schnell voran. Erst auf dem Gletsch­er wird das Wet­ter ein biss­chen fre­undlich­er und die Wolken heben sich. Wir fol­gen dem wieder dem Bach­tal nach Nor­dosten bis zum Gletsch­er, wo wir uns bei ca. 2800m anseilen. Der Gletsch­er ist hier ziem­lich zahm, unsere Kurslei­t­erin geht ohne Seil, was kein Prob­lem darstellt. Wir wollen ja aber üben.
Wir gehen rechts an den fel­si­gen, an Haifis­chzähne erin­nern­den, Klex­enköpfl vor­bei und gehen bei ca. 3000m in einem Links­bo­gen nach Nor­den und unter­halb des Fel­skamms mit dem Fros­nitztörl über das Äußere Mull­witz­kees. Am oberen Ende des Fel­skamms gehen wir rechts über flach­es Gelände auf die Krist­wall­wand zu. Hier oben auf dem Hoch­plateau windet es ordentlich und wir stem­men uns eis­ern in den Wind.

Unter­halb der Kirstall­wand, machen wir ein Skide­pot, ver­stauen unsere Ski­er und Seile und ziehen die Steigeisen an. Die Kristall­wand ist abge­blasen und es befind­et sich nur stel­len­weise Schnee zwis­chen den Felsen. Eigentlich braucht man hier keine Steigeisen, aber auch hier üben wir. Wir stapfen in stür­mis­chen Ver­hält­nis­sen auf das Gipfelkreuz zu, Kom­mu­nika­tion ist schw­er bei dem laut­en Wind. Oben am Kreuz ist es noch stür­mis­ch­er und kaum als gemütlich zu beze­ich­nen. Ich würde den Aus­blick gerne länger genießen, aber es ist kalt und uns verbleiben­den drei dro­ht es fast vom Gipfel zu wehen. Ich bleibe noch rel­a­tiv lange um ein paar Fotos mehr zu schießen, gehe dann mit den anderen hin­unter zum Skide­pot.

Wir gehen mit Fellen zurück über die Hochebene, die vom Wind hart gepresst ist. Erst unter­halb der Hochebene fellen wir ab und begeben uns auf die Abfahrt — dies­mal ohne Seil. Der Schnee ist gut, es hat eine schöne Pul­ver­schicht über der härteren Schicht. Lei­der kann ich das nicht genießen, denn ich werde seekrank. Alles geht weiß in weiß über, oben unten ist es weiß. Ich habe kein Gefühl dafür wo und wie schnell ich bin und denke noch zu fahren, obwohl ich schon ste­he. Sowas kann passieren, aber auch dafür gibt’s eine Lösung: Spur fahren. Ich fahre hin­ter unser­er Kurslei­t­erin hin­ter­her, vor­sichtig und nicht allzu schnell. Das klappt dann, aber so richtig Freude kommt natür­lich nicht auf. Haupt­sache sich­er wieder unten. Ich glaube, ich bin das erste Mal froh wieder unten zu sein :)

5. Tag — Spaltenbergung II

Heute haben wir die Wahl: Nochmal Aus­bil­dung oder eine Tour. Die Wet­ter­aus­sicht­en für heute sind bestens — her­rlich­es Berg­steiger­wet­ter! Aber Touren laufen uns nicht weg, den Großvenedi­ger erre­ichen wir wohl eh nicht (von der Johan­nishütte sind das 1.500hm und 5h Auf­stieg) und wir sind ja hier um etwas Neues zu ler­nen. Bei ein­er Tour lernt man natür­lich auch viel, aber es gibt noch soviel weit­eres zu ler­nen.

Wir entschei­den uns gemein­schaftlich für die Aus­bil­dung. Heute wid­men wir den Tag wieder Spal­tenber­gung — dies­mal der Selb­stret­tung mit Auf­prusiken. Das ist gar nicht allzu ein­fach, denn erst­mal muss man das ganze Ger­af­fel loswer­den und natür­lich sich­ern. Mit Reep­schnüren und Band­schlin­gen kann man die Ski­er und Stöcke am Gurt sich­ern, not­falls auch den Ruck­sack.

Dann ler­nen wir die Gar­dak­lemme ken­nen um das Seil freizubekom­men, falls es sich oben am Rand der Spalte irgend­wo ein­schnei­det. Dort kommt man beim Auf­prusiken schlecht drüber. Die Gar­dak­lemme ist eine Rück­lauf­sperre, die mit zwei bau­gle­ichen Kara­bin­ern real­isiert wird. So wird die Seil­rich­tung nach unten block­iert und man kann das Seil so oben freibekom­men und sich gle­ichzeit­ig über den Spal­tenrand hin­aus bewe­gen.

Schlussendlich üben wir den Mannschaft­szug, um jeman­den ganz ohne lose Rolle und das ganze Drumherum aus der Spalte zu befördern. Dabei ziehen ein­fach alle gemein­schaftlich das Opfer aus der Spalte. Natür­lich nicht ohne dabei auf das Stur­zopfer zu acht­en, dem eventuell ein Über­hang oder ähn­lich­es im Weg sein kön­nte.

Am frühen Nach­mit­tag begeben wir uns auf die Ter­rasse der Johan­nishütte und genießen ein kaltes Getränk in der Sonne. Dann fahren wir wieder hin­unter ins Tal. Es hat mit­tler­weile noch weniger Schnee als zuvor, weshalb wir immer wieder von einem Schneefleck zum anderen rutschen.


FAKTEN ZUR TOUR
Ski­hoch­tour Kristall­wand (3.310m)
Gehzeit: 4h
Höhen­meter: 1.200 m
Expo­si­tion: NW
Aus­gangspunkt: Johan­nishütte (2.121m), Matrei, Öster­re­ich
Mehr zur Tour gibt’s hier.

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