Blick vom Ausstieg vom Che Guevara Klettersteig

Italien: Durch die höchsten Wände im Klettersteig Che Guevara

Posted: 4. Mai 2019

Der “Che Gue­vara” Klet­ter­steig windet sich durch eine ein­drucksvolle, fast senkrechte 1.400m hohe Wand, die Süd­wand des Monte Casale. Er ist ein­er der schön­sten und mit Sicher­heit der läng­ste der zahlre­ichen Klet­ter­steige rund um den Gar­dasee. Er ver­langt für vier bis fünf Stun­den höch­ste Konzen­tra­tion sowie eine gute Kon­di­tion in dieser auge­set­zten und sehr son­ni­gen Wand. Hart ist gar kein Aus­druck, aber die Aus­blicke ent­lohnen für die Stra­pazen.

Es kann einem schon­mal den Mund offen ste­hen lassen wenn man vor dieser gewalti­gen Fel­swand ste­ht und an ihr hin­auf schaut. Hier soll ein Klet­ter­steig auf den Gipfel führen? Kaum denkbar. Der “Che Gue­vara” hat vielle­icht genau deshalb seinen Namen, denn ein biss­chen rev­o­lu­tionär ist das schon. Er ist also der König der Klet­ter­steige rund um den Gar­dasee und alleine deshalb packt mich die Aben­teuer­lust. Während der Klet­ter­steig selb­st nur mit A-C bew­ertet ist, macht ihn vor allem seine extreme Länge, seine starke Aus­ge­set­ztheit sowie die per­ma­nente Sonnene­in­strahlung zu ein­er echt­en Her­aus­forderung. Es gibt keinen Ausstieg zwis­chen­durch — der einzige Weg raus ist durch!

Die 1.400m hohe Felswand

Wir starten erst gegen Mit­tag vom Park­platz am Stein­bruch und die Sonne knallt bere­its. Wenig­stens ist jet­zt weniger los und es bilden sich keine Staus im Steig. Jet­zt im April ist die Sonne ohne­hin noch kein so großes The­ma, im Som­mer hinge­gen ist — wenn über­haupt — nur ein sehr früher Start möglich. Es ist kaum Schat­ten auf dem Weg durch die hohe Wand zu find­en und Wass­er sowieso nicht. Wir haben heute außer­dem Glück: Ein leichter Windzug macht die Sonne mehr als erträglich. So ein später Start hat seine Vorteile: Am Ausstieg genießen wir schon die ersten lan­gen Schat­ten, die die Fel­swände über uns wer­fen. Und der Abstieg erfol­gt im Schat­ten des Spät­nach­mit­tags.

Nach einem etwa halb­stündi­gen Zustieg erre­ichen wir den Ein­stieg in die Fel­swand, die uns auf den 1.632m hohen Monte Casale führen soll. Ein erstes Draht­seil markiert jedoch noch nicht den Ein­stieg, der sich erst kurz darauf find­et. Und es geht gle­ich voll los: Es gilt eine fast senkrechte Rinne mit wenig guten Trit­ten hin­aufzukrax­eln, das Hal­ten am Draht­seil erfordert etwas Armkraft. Ich bin sogle­ich froh um meinen Helm, denn es rieselt bere­its hier die ersten Steinchen, die von über uns Gehen­den los­ge­treten wer­den. Immer wieder löst sich in diesem brös­li­gen Gestein der ein oder andere beschle­u­nigte Stein, der zumeist fröh­lich an uns vor­bei hüpft.

Bald erwarten uns weit­ere Risse, Plat­ten, Bän­der und Pfeil­er. Zwis­chen den sich zwis­chen A und B/C bewe­gen­den Klet­ter­steigstück­en gibt es immer wieder mal Gehgelände, was mir eine willkommene Abwech­slung ist. So kommt man deut­lich schneller voran und bewältigt auch mal ein paar Höhen­meter. Ich klicke mich zwar nicht bei jed­er Stelle ein, aber die Nutzung des Klet­ter­steigs­sets ist trotz­dem zeitaufwändig. Tat­säch­lich über­holt uns nach ein­er Weile ein Paar, das ganz ohne Klet­ter­steigs­sets unter­wegs ist, auf ihrer wohlbe­merkt ersten Tour des Jahres. Ein biss­chen über­mütig kommt mir das schon vor. Am Ende sind sie nicht viel schneller als wir.

Schwitzen, keuchen, staunen

Ich jeden­falls bin heute froh um mein Klet­ter­steigset, denn mein let­zter Klet­ter­steig ist eine Ewigkeit her und da ich mit­tler­weile nur noch in Trail­run­nern unter­wegs bin, weiß ich auch noch nicht so ganz was die Schuhe auf einem solch anspruchsvollen Klet­ter­steig so her­ma­chen. Ich bin also vor allem auch deshalb um das Gehgelände froh um den Kopf auszulüften und sich endlich nicht mehr so höl­lisch konzen­tri­eren zu müssen. Schon im ersten Vier­tel des Steigs frage ich mich schon warum ich über­haupt auf eine solche Idee gekom­men bin. Die Wand erscheint unendlich, und trotz zunehmender Höhe will es ein­fach nicht vor­ange­hen. Die ein oder andere Stelle ver­langt ein Ver­trauen in meine Schuhe, das ich zuerst noch nicht habe. Je höher es allerd­ings geht, desto bess­er füh­le ich mich, kann in meine Schuhe und meine Fähigkeit­en ver­trauen, gewöhne mich an die Aus­ge­set­ztheit, gewinne an Selb­stver­trauen. Kann mit­tler­weile die Aus­sicht auf die umliegen­den Berge, die Tief­blicke auf die Sar­ca und den wun­der­schö­nen Lago di Mol­veno genießen.

Es ist sehr warm in der Sonne und der Atem geht schw­er während wir die steilen Wege und knif­fli­gen Klet­ter­stellen meis­tern. Zwis­chen Klet­ter­steig und Gehgelände gibt es auch immer mal wieder ungesicherte Klet­ter­stellen im 1. Grad zu bewälti­gen, die sich meis­tens im schrofi­gen Gelände befind­en. Wir erre­ichen das Klet­ter­steig­buch auf 1.200m, von wo aus nur noch zwei Klet­ter­stellen auf uns warten, die es jedoch in sich haben. Der Rest der 430 Höhen­meter ist jedoch größ­ten­teils Gehgelände, das durch Büsche und kleine Wäld­chen führt.

Am Gipfel des Monte Casale

Die let­zten Höhen­meter zum Gipfel sind hart, mit­tler­weile sind wir ordentlich aus der Puste und freuen uns auf den Ausstieg. Hier find­en sich nochmal wun­der­schöne Aus­sicht­en, inzwis­chen bis zum Gar­dasee in der Ferne, und spek­takuläre Foto­mo­tive auf ver­schiede­nen Fel­spfeil­ern. Dann erre­ichen wir den Ausstieg und das Gipfelkreuz vom Monte Casale ist zum Greifen nah. Eine wun­der­schönes Gipfelplateau erwartet uns mit Fern­sicht in die ver­schneit­en hohen Berge von Adamel­lo und Brenta hinein. Als ein großer Kon­trast zu der schrof­fen Fel­swand erstreckt sich eine liebliche, mit Krokussen über­säten Berg­wiese mit Bäu­men. Als kön­nte der Gipfel kein Wässerchen trüben.

Den Gipfel erre­icht sorge ich für mein leib­lich­es Wohl: Ich mache ich mich um den Großteil mein­er Vor­räte her und genieße die Aus­sicht. Auf­grund vorg­erück­ter Stunde teilen wir den Gipfel nur mit weni­gen, haben aber nicht allzu viel Zeit zum Ver­weilen. Denn es wartet noch ein langer Abstieg auf uns. Die hier befind­liche Hütte Rifu­gio Don Zio hat lei­der nur im Som­mer geöffnet und so heißt es die ganzen 1.400 Höhen­meter auch wieder run­terzus­pazieren.

Der lange Abstieg

Hin­ter dem Rifu­gio führt uns nun ein nor­maler Weg auf den Abstieg zurück nach Pietra­mu­ra­ta. Zuerst queren wir die früh­ling­shafte Almwiese mit Blick auf die schneebe­deck­ten Berge dahin­ter bis wir zum Nord­grat des Monte Casale gelan­gen. Dadurch, dass man eine größere Schleife um die Steil­wand herum geht, ist der Abstieg sehr lang. Der Großteil des Abstiegs ver­läuft wenig aus­sicht­sre­ich im laubbe­deck­ten Wald. Anfangs ist es sehr steil, geht dann aber bald in flachere Forstwege über. Die Knie melden sich bald, langsam ermü­den die Gelenke. Der Abstieg kommt mir irgend­wann schi­er unendlich vor. Das Adren­a­lin sorgt jedoch noch immer dafür, dass ich davon nur wenig merke. Irgend­wann erre­iche ich die Straße, die sich in Ser­pen­ti­nen den Berg hin­auf windet, und quere diese indem ich über die zwei Leit­planken klet­tere. Nun ist es nicht mehr weit hin­unter zu den Ufern der Sar­ca.

Gute drei Stun­den benötigt man nach unten, wo es dann nochmal in etwa 20 Minuten flach durch Weinge­bi­ete zurück zum Park­platz geht. Am Ende des Tages weiß man auf jeden Fall, was man getan hat: Die Füße erin­nern einen daran. Deshalb gibt es heute auch nur noch eines: Piz­za!


FAKTEN ZUR TOUR
Klet­ter­steig Che Gue­vara auf den Monte Casale (1.632m)

Gehzeit: 7–8h
Höhen­meter: 1.400 hm
Aus­gangspunkt: Park­platz am Stein­bruch in Pietra­mu­ra­ta
Schwierigkeit: T3 — anspruchsvolles Berg­wan­dern / I. Grad (UIAA) / Klet­ter­steig C
Tipp: Nicht im Hochsom­mer gehen und viel Wass­er dabei haben. Oben gibt es keine Auf­füllmöglichkeit. Helm ist eben­falls Pflicht, da hohe Stein­schlagge­fahr.

 

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