Te Araroa: 13. In den Nelson Lakes Nationalpark — Boyle Village bis St Arnaud

Posted: 25. August 2018

Wir fol­gen dem St James Walk­way bis zum Waiau Riv­er. Vor uns liegen gle­ich zwei hohe Pässe. Der Waiau Pass bringt uns in den Nel­son Lakes Nation­al­park und eröffnet uns die schön­sten Aus­blicke auf die Berg­land­schaft um uns herum. Am Tra­vers Sad­dle brin­gen wir uns ordentlich in Schwierigkeit­en und das erste Mal muss ich ein Notsig­nal abgeben. Ein Schneesturm deckt die Land­schaft inner­halb weniger Stun­den völ­lig zu.

05.04. Dem Boyle River folgend — Boyle Village bis Boyle Flat Hut

14,5km / 4h / 435hm

Die Sonne lockt heute, aber so richtig in Gang komme ich nicht. Es gibt Tage an denen jed­er Schritt Anstren­gung ist und Tage an denen die Kilo­me­ter dahin fliegen. Heute ist ein­er der ersteren für mich. Zwar hat sich meine Kon­di­tion sehr gesteigert indem ich nun über 25km laufen kann ohne Fußschmerzen zu bekom­men, aber Anstiege machen mir noch immer zu schaf­fen.

Ganz im Gegen­teil zu Bengt, der die Hänge nur so hin­auf zu fliegen scheint. Die flachen Stücke sind kein Prob­lem, aber heute geht es immer mal wieder hin­auf um kurz darauf wieder abzusteigen.

Hänge­brück­en führen uns heute über die Flüsse und son­st gibt es nur kleinere Flüsse zu queren über die man auf Steinen hüpfen kann, sodass unsere Füße heute rel­a­tiv trock­en bleiben. Nur ein paar Matschstellen feucht­en meine durch­löcherten Schuhe an. Den ganzen Tag fol­gen wir dem St James Walk­way, der neben dem Boyle Riv­er ver­läuft. Wir gelan­gen in offenes Gelände und schon sehen bald die Boyle Hütte in der Ferne, worüber ich heute sehr froh bin. Zu allem Über­fluss habe ich einen Riss in mein­er Trinkblase ent­deckt und der halbe Inhalt der­sel­ben hat sich in meinem Ruck­sack geleert.

Obwohl es noch recht früh am Tag ist, bleiben wir also hier. Denn zum einen sind es sechs Stun­den zur näch­sten Hütte und zum anderen brauche ich die Sonne um meine nass gewor­dene Sachen zu trock­nen. Während ich meine Sachen vor der Hütte aus­bre­ite beißen mich einige San­fliegen. Ich glaube in den let­zten drei Tagen haben mich mehr Sand­fliegen gebis­sen als ich den knapp zwei Monat­en zuvor zusam­men gerech­net. Dementsprechend schnell flücht­en ich mich trotz Son­nen­schein in das Innere der Hütte.

Wir nehmen ein richtiges Mit­tagessen ein, da wir einiges an Essen von der let­zten Etappe übrig haben, da wir schneller voran kamen als geplant. Vögel ver­fol­gen uns, darunter die bekan­nten Fäch­er­schwänze und zwei Lang­bein­schnäp­per.

06.04. In der Schwitzhütte — Boyle Flat Hut to Rokeby Hut

4km / 1h / 97hm

Ich wache in der Nacht mit Übelkeits­ge­fühlen auf. Mir ist so schlecht, dass ich nicht mehr schlafen kann und ich muss mehrmals raus­ge­hen um frische Luft zu schnap­pen. Schließlich lege ich mich in die Küche um die andere nicht zu stören. Plöt­zlich aber muss ich schnell hin­auf um das Aben­dessen auszus­peien. Danach geht es mir erst­mal bess­er.

Am Mor­gen ist mir trotz­dem elend zu Mute. Ich schlafe ein wenig und dann geht es mir soweit wieder gut genug um starten zu kön­nen. Es lägen 17km zur näch­sten Hütte vor uns, aber nach 4km kommt eine kleine Hütte in die wir einkehren kön­nen wenns doch nicht geht. Das Wet­ter heute ist ide­al für die bevorste­hende Pass­querung, weshalb ich nicht wider­ste­hen kann es zu ver­suchen.

Wir stapfen also los und erst­mal tut mir die frische Luft tut. Dann aber wird mir schnell schlecht, was die näch­ste Stunde von ein biss­chen schlecht bis sehr schlecht hin und her wech­selt. Als wir eine Pause nahe der Roke­by Hut machen, besagter klein­er Hütte, stelle ich fest wie fer­tig ich bin. Mir ist kalt und alles tut mir weh. Wir bleiben also hier.

Während ich mich in den Schlaf­sack verkrümel und aus­ruhe, wobei mir noch immer kalt ist, bere­it­et Bengt eine Menge Holz vor um die Hütte warm zu bekom­men. Irgend­wann ist Sauna ange­sagt und ich werd langsam wärmer. Es ist fraglich wo ich mir das einge­fan­gen habe. Da mein Magen offen­bar betrof­fen ist, bleibt nur das Wass­er. Ich bin unvor­sichtig gewor­den und habe die let­zten Tage das Wass­er nicht mehr gechlort — im Gegen­satz zu Bengt, dass es gut geht.

Ich habe das Wass­er am DOC Zelt­platz in Boyle in Ver­dacht, auch wenn ich von dem nicht allzu viel getrunk­en habe, da meine Trinkblase kaputt war. Kein­er weiß es so genau, aber ich nehme vor­sicht­shal­ber Antibi­oti­ka ein, was dieses Prob­lem schnell in den Griff bekom­men sollte. Abends füh­le ich mich soweit wieder hergestellt auf­ste­hen zu kön­nen und etwas zu mir zu nehmen, was auch drin bleibt.

07.04. Ins Waiau Valley — Rokeby Hut bis zum Camp am Waiau River

28km / 6,75h / 504hm

Am näch­sten Mor­gen geht es mir wieder gut und ich füh­le mich fit genug für den Weit­er­weg. Pünk­tlich als wir unsere kleine Schwitzhütte ver­lassen, fängt es an zu reg­nen. Dieser währt jedoch nicht lange und kurz danach wer­den wir mit blauem Him­mel ver­wöh­nt. Ein Regen­bo­gen hängt über den Bäu­men auf der anderen Seite und färbt sie bunt ein.

Wir fol­gen weit­er­hin dem Boyle Riv­er durch Wald- und Wiesen­gelände bis wir ein kurzes Stück hin­auf zum Anne Sad­dle (1.136m) steigen, der mit­ten im Wald ist und somit kein­er­lei Aus­sicht bietet. Die Land­schaft danach öffnet sich nun immer weit­er und durch Wiesen­gelände und ein­mal durch den Fluss watend, erre­ichen wir die große Anne Hut.

Von Weit­em sieht sie aus wie eine Almhütte und halb erwarte ich dort Radler, Kas­pressknödel und Kaiser­schmar­rn bestellen zu kön­nen. Lei­der gibt es nichts der­gle­ichen, aber ein schönes Berg­panora­ma und eine Mit­tagspause vor der Hütte — Wraps mit Käse statt Kas­pressknödel mit Kraut.

Es ist noch früh am Tag und wir beschließen noch etwas weit­er in die Rich­tung der 25km ent­fer­n­ten Waiau Hut zu gehen um auf dem Weg irgend­wo zu zel­ten. Das Gelände öffnet sich nun weit und ein fan­tastis­ches Berg­panora­ma begleit­et uns während wir auf ebe­nen Weg durch ein Flusstal marschieren. Bald tren­nen wir uns vom St James Walk­way und biegen auf den Waiau Pass Track ab. Wir schaf­fen es noch weit­ere 14km zu gehen bevor wir uns in Flussnähe einen Zelt­platz suchen und uns für die Nacht einzuricht­en, zusam­men mit hun­derten von Sand­fliegen.

08.04. Dem Waiau River folgend — Camp am Waiau River bis Upper Waiau Forks

21,5km / 6h / 416hm

Die Nacht war zap­fig und erfüllt vom Geschnat­ter der Enten am Fluss. Mor­gens reg­net es zwar ein biss­chen, lässt aber schnell nach. Wir starten etwas später, da nur 20km vor uns liegen. Weit­er lohnt es sich nicht zu gehen, da dann der Pass vor uns liegt und wir dafür mor­gen ver­an­schlagt haben. Der Weg ist leicht zu gehen durch Wiesen­gelände und gele­gentlich durch einen Fluss. Schließlich wan­dern wir ein Paar Stücke durch den Wald, die ein wenig auf und ab erfordern.

Ein paar Gänse schreck­en wir auf, die schnat­ternd davon fliegen. Wir erre­ichen die Waiau Hut, wo wir Mit­tagspause machen. Auch hier wüten die Sand­fliegen, aber ein here­in kom­mendes älteres Paar ermutigt uns, dass es am geplanten Camp­ing­platz keine geben soll. Vielle­icht ist es ihnen zu hoch? Oder zu kalt?

Sobald sich die Sonne blick­en lässt machen wir uns wieder auf den Weg. Lei­der fängt es trotz­dem bald an zu reg­nen. Da wir nun des Öfteren im Wald ver­schwinden ist das kein Prob­lem. Wir erre­ichen die kleine Car­o­line Biwakhütte und über­legen kurz diese zu unserem heuti­gen Zuhause zu erk­lären, gehen dann aber doch weit­er.

Die Berge veren­gen sich zunehmend. Das Gelände wird nun fel­siger und der Weg führt uns gele­gentlich durch den eiskalten Fluss und sein Fluss­bett. Dann gilt es über Geröll und Felsen an den Bergflanken zu krax­eln, was gar nicht Mal so ein­fach ist, da sie vom Regen rutschig sind. So kom­men wir nur langsam voran während wir uns vor­sichtig durch die Steine wühlen.

Eine let­zte Flussüber­querung bringt uns dann zum Zelt­platz, der einzi­gen flachen geeigneten Fläche weit und bre­it. Noch immer reg­net es und mir ist inzwis­chen gehörig kalt gewor­den. Mit kalten Fin­gern bauen wir das Zelt auf um möglichst schnell im wär­menden Schlaf­sack zu ver­schwinden. Aber tat­säch­lich: Keine Sand­fliegen! Trotz­dem ist es zu kalt und zu nass um sich draußen aufzuhal­ten. Wir hof­fen sehr auf Besserung bis mor­gen, denn son­st kön­nten wir nicht zum fel­si­gen Pass auf­steigen und hin­gen erst­mal hier fest.


09.04. Über den Waiau Pass — Upper Waiau Forks bis West Sabine Hut

16km / 7h / 1.032hm

Tat­säch­lich ist das Glück auf unser­er Seite und der Him­mel ist blau als wir den ersten Blick aus dem Zelt wagen. Per­fek­te Bedin­gun­gen für den Pass. Wir ver­pack­en unser nass­es Zelt und machen uns auf den Weg. Der fack­elt auch nicht lange um uns schnell nach dem Zelt­platz steil hin­auf zu führen. Der Waiau Riv­er ergießt sich in zahlre­iche Wasser­fälle, die neben uns hinab rauschen.

Nun ist es ein Stück erhol­sam flach bis es ernst wird. Immer steiniger wird der Auf­stieg je höher wir kom­men bis wir sog­ar ein paar Krax­el­stellen im I. Grad über­winden müssen. Die meiste Zeit ist es aber ohne Han­dein­satz möglich hin­aufzusteigen, wenn auch steil. Belohnt wer­den wir mit ein­er wun­der­schö­nen Aus­sicht in das Tal durch das wir gestern kamen und die uns umgebende Berg­welt.

Nun ist es nicht mehr weit zum Pass und das Gelände wird wieder ein­fach­er. Über Schot­ter­felder erre­ichen wir den zugi­gen Pass auf 1.870m. Von hier haben wir Blick ins näch­ste Tal und somit auf den vom Son­nen­licht glänzen­den Lake Con­stance. Hier betreten wir nun den wun­der­schö­nen Nel­son Lakes Nation­al­park.

Nicht lange nach­dem wir den Abstieg auf der anderen Seite begin­nen zieht es zu und das war’s dann für heute mit der Sonne. Das Gelände ist hier weniger fel­sig und wir müssen nur durch Schot­ter absteigen was wesentlich angenehmer ist als Felsen hin­un­terzuk­let­tern. Aber auch das dauert eine ganze Weile, denn es ist nicht die Art Schot­ter in dem man leicht nach unten gleit­en kann, son­dern die Art bei der man jeden Schritt vor­sichtig set­zen muss. Ändert nichts daran, dass ich mich trotz­dem ein paar mal auf den Hin­tern lege.

Unten geht es ein Stück flach bis zum See und am See ent­lang, wo wir endlich etwas schneller vorankom­men. Lange hält das jedoch nicht an, denn wir müssen nun wieder steil hin­auf um eine fel­sige Klippe zu umge­hen, die direkt in den See fällt und somit keinen Weg unten vor­bei zulässt. Schnaufend krax­eln wir hin­auf und genießen den Blick auf den See unter uns. Dann steigen wir hin­unter zur Moräne, die wie ein Damm hin­ter dem See thront.

Von hier geht es nun wieder steil hinab bis hinein in den Wald, wo es weit­er steil über Steine und Wurzeln geht bis wir endlich die Höhe des Blue Lakes erre­ichen, der seinem Namen alle Ehre macht mit seinem klaren blauen Wass­er dem man bis auf den Grund schauen kann.

Zeit den See zu erkun­den bleibt uns allerd­ings nicht, denn in der Blue Lake Hut hängt ein Wet­ter­bericht, der nichts Gutes ver­heißt. Ab über­mor­gen Schnee bis hin­unter auf 800m. Wir wollen also möglichst weit hinab und die näch­ste Hütte ist nur 3h von hier ent­fer­nt. Nach ein­er Mit­tagspause machen wir uns also wieder auf den Weg.

Lei­der endet der heutige Tag so wie der gestrige: Im Regen über Felsen laufend. Meist führt der Weg im Wald, aber über zig Geröll­hänge, die von ver­gan­genen Law­inen erzählen, die das Vorankom­men erschw­eren. Auch im Wald versper­ren viele Felsen, Wurzeln und Bäume der Weg. Nur sel­ten kom­men wir schnell voran, meist ist es eher ein Voran­tas­ten. Meine durch­löcherte Schuhe bleiben auch ständig hän­gen und ein­mal haut es mich sog­ar auf die Nase — zum Glück im Gras statt auf Felsen.

Nach drei Stun­den erre­ichen wir die West Sabine Hut in der der Ofen bere­its bren­nt. Allerd­ings verkün­det der hier aus­liegende Wet­ter­bericht noch mehr Unheil. Schon mor­gen Schnee auf bis zu 500m, außer­dem Regen. Es gibt jedoch noch eine Alter­na­tive. Statt über den 1.780m hohen Tra­vers Sad­dle kön­nen wir zur Sabine Hut absteigen und von dort bis St. Arnaud in niedrigeren Gefilden gelan­gen. Wir trinken Kakao und machen Aben­dessen während es dunkel wird. 18:30 ist es nun schon dunkel, der Win­ter naht!

10.04. Der Schneesturm — West Sabine Hut bis Upper Travers Hut

8,4km / ??h / 1.137hm

Die dümm­ste Entschei­dung über­haupt war es auf diesen Sat­tel zu gehen. Das Wet­ter am Mor­gen sieht gut aus, Schnee liegt und weit oben und es ist nicht beson­ders kalt. Wir entschei­den uns also für den Weg auf den Tra­vers Sad­dle, denn wir rech­nen höch­stens mit ein wenig nassem Schneefall ähn­lich wie am Clent Hill Sad­dle bere­its erlebt. Als wir die ersten Paar hun­dert Höhen­meter im Wald hin­ter uns haben, begin­nt es zu schneien. Erst langsam, kaum der Rede wert und nicht liegen bleibend, dann immer stärk­er bis er sich auch am Wald­bo­den sam­melt.

Wir erwä­gen kurz umzukehren, entschei­den uns aber blöder­weise dage­gen. Im Wald sind noch ver­hält­nis­mäßig gut geschützt, aber die let­zten 400hm ver­laufen ober­halb der Baum­gren­ze. Hier liegt dick der Schnee, immer wieder sinken wir im frischen Tief­schnee ein. Es geht wahnsin­nig schnell, dass sich an manchen Stellen bis zu einem Meter Schnee auftürmt. Das Vorankom­men ist müh­sam und ich habe das denkbar ungeeigneteste Schuh­w­erk für diese Bedin­gun­gen an: Trail­run­ner mit riesi­gen Löch­ern. Der Schnee klumpt fest an Schuhen und Hosen­beine und meine Hand­schuhe frieren ein.

Das unan­genehm­ste sind die Wind­böen, die stärk­er wer­den je höher wir kom­men. Immer wieder wehen sie uns Schnee ins Gesicht und dro­hen uns umzuw­er­fen. Es bleibt uns nur den Rück­en gegen den Wind zu drehen, sta­bilen Stand zu find­en und zu warten bis sie vorüber sind. Ich ver­fluche unsere Entschei­dung, wir hät­ten so schön tief zur Sabine Hut laufen kön­nen. Meine Füße und Hände sind kalt und langsam fol­gt auch der Rest des Kör­pers. Wir müssen hin und wieder ste­hen bleiben um unsere Hände zu ver­steck­en um sie wieder etwas aufzu­tauen. Mein Wan­der­part­ner stapft durch den tiefen Schnee voran und versinkt dabei immer wieder bis zur Hüfte im Schnee. Wir haben viel zu wenig an, aber mehr anziehen bedeutet ste­hen bleiben und erst­mal ausziehen um weit­ere Schicht­en anzule­gen. Das will kein­er von uns. Wie der Abstieg auf der anderen Seite aussieht wis­sen wir eben­falls nicht.

Fast oben am Sat­tel weiß ich, dass wir einen Schutz brauchen und warm wer­den müssen. An ein­er einiger­maßen ebe­nen Stelle ver­suchen wir das Zelt aufzubauen, was kaum möglich in dem starken Wind ist. Meine Fin­ger sind nicht mehr zu brauchen, sie sind reine Eis­blöcke. Ich sitze also nur auf dem Zelt und sorge dafür, dass es nicht wegfliegt während Bengt die Zelt­stäbe hineinzieht und ver­sucht die Heringe in den Schnee zu bekom­men. Let­zteres scheit­ert, da sie der Wind immer wieder aus­reißt. Das Zelt hält aber trotz­dem mit nur drei Herin­gen und wir find­en darin den erhofften Schutz vor dem Wind und der eisi­gen Kälte, die er mit­bringt.

Ich tue etwas wovon ich gehofft habe es niemals tun zu müssen: Ich drücke den Not­fal­l­knopf an meinem Spot. Das Zelt ist voller Schnee und immer wieder treibt der Wind neuen hinein und drückt uns das Zelt gegen die Kör­p­er. Aber das Zelt hält, trotz fehlen­der Abspan­nung, den Böen stand.

So schnell es die Kälte uns erlaubt entledi­gen uns nass­er Sock­en und Schuhe und fum­meln mit tauben Fin­gern Schlaf­sack und Iso­mat­te her­vor. Dann gilt es wieder warm zu wer­den. Wir drück­en uns eng aneinan­der und langsam wird uns wärmer. Erst tauen die Hände auf, später die Füße. Als es uns langsam bess­er geht schmieden wir einen Plan. Uns wird so schnell kein­er helfen kön­nen bei dem Wet­ter, wir müssen uns also selb­st helfen. Die ersten Schritte sind schon getan: Schutz suchen und aufwär­men so gut es geht.

Wir essen einen Haufen Riegel um unseren Kör­pern Energie zuzuführen und gehen alle notwendi­gen Schritte und Her­aus­forderun­gen durch. Wir schaufeln den Schnee so gut es geht aus dem Zelt, ziehen alles an was wir haben, pack­en alles außer Iso­mat­te und Schlaf­sack zusam­men, tauen unsere Hand­schuhe im Schlaf­sack auf. Wir ziehen unsre Eisklumpen gle­ichen­den Schuhe wieder wieder an, was gar nicht mal so ein­fach ist, da sie hart gefroren sind.

Zwis­chen den Schrit­ten wär­men wir uns immer wieder auf. Schließlich fühlen wir uns bere­it. Bengt geht hin­aus, reicht mir die Wan­der­stöcke und ich mache zwei davon am Ruck­sack fest, damit jed­er nur noch einen Stock hat um jew­eils die andere Hand wär­men zu kön­nen. Dann löst er die Zelt­stan­gen her­aus, die ich innen drin ein­packe und gle­ichzeit­ig dafür sorge, dass nichts davon gewe­ht wer­den kann. Als alles abge­baut ist, packe ich den Rest ein und gebe ich die Ruck­säcke nach draußen. Schnell knödeln wir das Zelt zusam­men und stopfen es in meinen Ruck­sack — Abmarsch. Soweit hat alles gut geklappt. Wir stapfen die let­zten Meter zum Sat­tel und dann geht’s hin­unter.

Noch immer wütet der Wind, aber wir sind jet­zt bess­er vor­bere­it­et. Der Abstieg ist erst seicht und wir kom­men bess­er voran als gedacht. Auch Hän­den und Füßen geht es den Umstän­den entsprechend gut. Tapfer kämpfen wir uns durch den tiefen Schnee voran. Hin und wieder gebi­eten uns vereiste Geröllfelder Ein­halt und wir marschieren vor­sichtig voran. Das alles dauert natür­lich lange, keine Ahnung wie lange. Aber irgend­wann erscheint wieder Veg­e­ta­tion und bald darauf auch die Hütte am Wal­drand. Wir sind in Sicher­heit!

Erle­ichtert beziehen wir die leere Hütte und machen Feuer, wär­men uns, trinken heiße Schoko­lade. Alles nochmal gut gegan­gen. Das dümm­ste war sich über­haupt in diese Sit­u­a­tion zu begeben, aber als wir dann drin waren kon­nten wir einen klaren Kopf behal­ten (wenn auch abwech­sel­nd) und gemein­sam richtig gehan­delt. Ich hoffe nur, dass kein­er nach uns sucht. Den SOS Funk habe ich abge­brochen nach­dem wir einen Plan hat­ten und wieder warm wer­den. Kein­er ist ver­let­zt, alle Glied­maßen sind noch dran, nur ein paar Heringe haben wir ver­loren. Unter diesen Umstän­den eine gute Bilanz.

11.4. Raus aus dem Schnee — Upper Travers Hut bis Lakehead Hut

20km / 3,5h / 134hm

Mor­gens um zehn umkreist ein Hub­schrauber das Gebi­et und lan­det schließlich an der Hütte. Es ist das Ret­tung­steam. Sie haben zwar meine Deak­tivierung des Notsig­nals bekom­men, kamen aber trotz­dem zur Über­prü­fung. Wie schon ver­mutet kon­nten sie gestern nicht fliegen, haben das Sig­nal aber erhal­ten. Offen­bar funk­tion­iert das Sys­tem schon­mal. Wir alle sind froh, dass alles ok ist und ich erk­läre was gestern los war. Sie sind sehr nett und ver­ständ­nisvoll. Schließlich ziehen sie wieder von dan­nen. Offen­bar waren wir auch nicht der einzige Grund für ihr Erscheinen, denn weit­er unten hat sich jemand den Fuß ver­dreht und wartet an der Hütte auf Abhol­ung. Das ist immer­hin beruhi­gend.

Wir wapp­nen uns für den Schnee. Es schneit noch immer vor sich hin, mal mehr mal weniger. Tat­säch­lich wird es aber schnell weniger je tiefer wir kom­men und auf etwa 1.000m liegt gar kein Schnee mehr und wir kom­men gut voran. Am schön­sten ist es, dass es auch immer wärmer wird. Wir erre­ichen nach etwa zwei Stun­den die John Trait Hut, die muck­e­lig warm ist. Wir ver­speisen nur einen Riegel zum Mit­tagessen und ziehen dann weit­er.

Der Weg führt uns abwech­sel­nd durch Wald und Wiesen­gelände. Im Wald geht es wie üblich auf und ab und Steine, Bäume und Pfützen sind wie immer Teil des Wegs, weshalb wir mal schneller und mal weniger schnell voran kom­men. Nach weit­eren 3,5 Stun­den erre­ichen wir die Lake­head Hut und kön­nen Lake Rotoiti bere­its sehen.

Auch das Wet­ter wird immer bess­er je weit­er wir raus den Bergen kom­men und schließlich lässt sich sog­ar blauer Him­mel blick­en. Die Hütte ist warm und einige Leute sind bere­its hier. Ich freue mich darauf draußen zu sein und auf eine Dusche. Wir stinken wie eine Horde Orks.

12.04. Zurück in die Zivilisation — Lakehead Hut bis St. Arnaud

11,5km / 2,5h / 134hm

Das Wet­ter ist heute etwas fre­undlich­er als die zwei ver­gan­genen Tage und wir haben nur einen kurzen Weg bis nach St. Arnaud und somit in die Zivil­i­sa­tion vor uns. Dieser führt uns vornehm­lich durch Wald am Lake Rotoiti ent­lang auf das wir immer wieder blick­en kön­nen.

Nach zwei Stun­den erre­ichen wir die Kerr Bay von wo aus wir die Straße ent­lang ins Dorf laufen. Beim DOC VIs­i­tor Cen­tre holen wir unsere Paket ab und begeben uns dann zur Alpine Lodge, wo es ein Mit­tags­menü gibt. Ich esse eine dicke fette Nacho Piz­za und nehme Kon­takt zu mein­er Mut­ter und Part­ner auf, die von der Bun­deswehr wegen des Not­fallsig­nals kon­tak­tiert wur­den und sich große Sor­gen gemacht haben.

Erst­mal weiß ja kein­er was los ist: Von Fuß umschnack­eln bis in eine Schlucht stürzen kann ja alles sein und es schw­er nicht an das Schlimm­ste zu denken. Sie wur­den aber bere­its informiert, dass wir wohlbe­hal­ten aufge­fun­den wur­den. Die Kette und der Knopf funk­tion­ieren also.

Dann wollen wir nach Nel­son hitchen, denn die näch­ste Sek­tion die Rich­mond Ranges — sind eben­falls in den Bergen und fernab der Zivil­i­sa­tion. Da das Wet­ter die näch­ste Zeit keine Besserung bere­it hält wer­den wir diese Sek­tion also lei­der aus­lassen. Auf keinen Fall wollen wir sowas nochmal erleben und von Nel­son aus weit­er­ma­chen.

Der Verkehr in St. Arnaud ist allerd­ings spär­lich, aber ein junger Mann bringt uns bis an die Abzwei­gung nach Nel­son wo wir dann auf ein Auto warten, das uns mit­nimmt. Es han­delt sich jedoch um eine Neben­straße und nur alle fünf Minuten kommt mal ein Auto vor­bei. Nach ein­er hal­ben Stunde hält jedoch jemand für uns an und wir fahren mit zwei jun­gen Myan­mar­ern und Rap­musik nach Nel­son.

Dort gibt es die ersehnte und über­fäl­lige Dusche und ein reich­haltiges Abendmahl. Außer­dem ist es hier an der Küste deut­lich wärmer als oben in den Bergen, her­rlich! Wir feiern über 1.000km Fuß­marsch und das Über­leben mit einem großen Krug meines Lieblingsciders.

13.04. Zero Day in Nelson

Den heuti­gen Tag ver­brin­gen wir damit uns von den Stra­pazen der let­zten Tage zu erholen und ein paar man­gel­hafte Aus­rüs­tungs­ge­gen­stände zu erset­zen. Ich bekomme zwar nicht die gle­ichen Schuhe, die ich vorher hat­te, aber nehme das näch­st­beste. Ich kann mit den Schuhen wirk­lich nicht mehr weit­er­ma­chen. Außer­dem gibt’s eine neue Trinkblase und Meri­noun­ter­hose, denn auch die hat Löch­er.

Am Nach­mit­tag besuchen wir noch die Nation­al Geo­graph­ic Ausstel­lung der 50 besten Nation­al Geo­graph­ic Fotos. Das Muse­um hat ziem­lich coole Sou­venirs und ich kann nicht wider­ste­hen etwas mitzunehmen. Abends gehen wir dann zu einem kore­anis­chen Imbiss und ich ver­tilge gle­ich zwei Bibim­baps und Dumplings.

Hier geht’s zum 14. Teil — Nelson bis Havelock

Te Araroa: 14. Pelorus Riv­er Track – Nel­son bis Have­lock

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