Peru: Grenzgang auf 6.000m am Chachani

Posted: 16. Mai 2016

Der Chachani gilt als ein­er der ein­fach­sten 6.000er der Welt, denn man muss “ein­fach” nur hochge­hen. Die Höhe, die dünne Luft, die Kälte um 2 Uhr nachts, die Erschöp­fung machen ihn den­noch zu ein­er anspruchsvollen Erfahrung, die mich an meine kör­per­lichen Gren­zen brin­gen soll.

Wenn viel Schnee liegt benötigt man für die Bestei­gung des Chach­a­nis Steigeisen und Pick­el, durch die vulka­nis­che Akitvität im Moment ist das aber nicht nötig und man kann mit nor­maler Wan­der­aus­rüs­tung diesen Berg besteigen.

Um 22 Uhr geht’s los und wir wer­den vor unserem Hos­tel abge­holt. Wir haben ver­sucht vorher noch etwas zu schlafen, was aber nicht beson­ders gut funk­tion­iert hat, also holen wir das nun etwas im Auto nach. Um kurz vor ein Uhr biegen wir von der großen Straße ab und der Feld­weg ist ziem­lich hol­prig — an Schlafen ist also nicht mehr zu denken.

Start um 2 Uhr nachts

Um kurz vor 2 Uhr set­zt uns das Auto auf etwa 4.950m ab. Es ist tiefe Nacht und wir kön­nen die Sterne und Milch­straße sehen. Es ist gar nicht so kalt wie gedacht und beim Gehen wird einem schnell warm. Wir sind dick eingepackt in zwei lan­gen Unter­ho­sen mit Über­hose, Hard­shell­jacke, Daunen­jacke, Fleece­jacke, Mütze und Hand­schuhe.

Die erste Stunde zum Base Camp am Chachani geht über große Steine über die wir im Schein unser­er Stirn­lam­p­en krax­eln. Am etwa auf 5.200m liegen­den Base Camp machen wir unsere erste Pause. Während wir eine Tasse Coca­tee schlür­fen, beobacht­en wir das Licht ein­er anderen Gruppe, die uns schon ein paar hun­dert Höhen­meter voraus ist. Außer dem Ster­nen­him­mel und diesem Licht ist nichts zu sehen.

Der weit­ere Weg führt einen sandi­gen Schot­ter­hang in Ser­pen­ti­nen hin­auf. Auf dem Grund rutscht man leicht, aber wir kom­men gut voran. Nach ca. 40 Minuten erre­ichen wir die 5.400m und machen die näch­ste Pause. Viel zu sehen git es nicht und wir laufen ein­fach nur mit dem Blick auf den Boden in der Dunkel­heit nach oben. Wir scheinen ganz gut akkli­ma­tisiert zu sein und merken nicht viel von der Höhe. Je länger die Nacht voran­schre­it­et und je höher wir kom­men, desto käl­ter wird es. Bald haben wir kalte Fin­ger und ich habe nur dünne Hand­schuhe. Bald soll jedoch die Sonne aufge­hen und damit wärmer wer­den. Als wir die 5.700m erre­ichen ist schon ein leichter heller Streifen am Hor­i­zont zu sehen. So richtig nehme ich das gar nicht richtig wahr, ich kämpfe. Immer wieder muss ich ste­hen bleiben, mir die Hände reiben und ver­schnaufen.

Auswirkungen der Höhe

Ich merke, dass mir das Tem­po zu schnell ist. Wie ich mit­tler­weile genau weiß, ist der Schlüs­sel zu jedem Höhen­berg­steigen ein langsames, aber stetiges Tem­po. Ich ver­suche also langsamer, mit mehr Pausen zu gehen. Jedoch treibt uns unser Guide immer wieder an sobald ich Pause mache oder die Lücke zwis­chen uns größer wird. Er scheint keine Ahnung zu haben was los ist undglaubt nur, dass ich kalte Hände habe. Da er kaum Englisch spricht ist es schw­er ihm begrei­flich zu machen, dass ich langsamer gehen muss. Er gibt mir seine Hand­schuhe und ren­nt weit­er.

Anstatt auf meinen Kör­p­er zu hören, höre ich auf den Guide und gehe weit­er. Ich beginne zu schwanken und unsich­er zu gehen. Der Guide will erst auf 5.900m wieder Pause machen. Bei aber etwa 5.850m geht bei mir nichts mehr, meine Beine sack­en unter mir weg und ich plumpse auf den kalten Boden wie ein nass­er Sack Kartof­feln. Ich glaube nicht mal mehr über die Kraft zu ver­fü­gen abzusteigen. Ich bin total fer­tig. Meine Lip­pen sind bläulich und mir ist schwindlig. Ich bin defin­i­tiv höhenkrank. Mir ist kalt, ich zit­tere am ganzen Kör­p­er, spüre meine Hände und Füße kaum noch und zu allem kom­men noch Erschöp­fungsträ­nen, woraufhin ich zu hyper­ven­tilieren anfange und kaum noch Luft bekomme.

Noch nie bin ich so an meine kör­per­lichen Gren­zen gelangt wie hier, in diesem Moment. Wenn jed­er Ehrgeiz ver­schwindet, der mich son­st auf die Gipfel treibt, egal wie hoch, hart und wie anstren­gend sie sein mögen. Ich will nur noch runter von diesem Berg. Alex bietet an mit mir zurück­zuge­hen, damit der Guide mit Benoît zum Gipfel gehen kann. Alex geht es gut und er hat keine Prob­leme. Der Guide lässt uns jedoch nicht und scheint mit der Lage ziem­lich über­fordert. Unsere Ver­suche meine Lage zu erk­lären stoßen bei ihm auf Unver­ständ­nis, obwohl ihm sofort klar sein müsste, worum es sich han­delt. Ein biss­chen Sauer­stoff im Ruck­sack hätte sich­er auch nicht geschadet.

Unser Guide am Ausan­gate hat­te immer Sauer­stoff dabei, obwohl wir nur auf höch­stens 5.100m waren. Ken­nt­nisse über Höhenkranken­heit wären die Min­destvo­raus­set­zung für eine Führung auf einen 6.000m hohen Berg. Wir haben die andere Gruppe mit­tler­weile fast eingehlt und waren ein gutes Stück schneller als geplant, trotz­dem hat uns der Guide immer weit­er getrieben. Hät­ten wir langsamer und mehr Pausen gemacht als ich die ersten Prob­leme hat­te, hät­ten wir das Ganze ver­mei­den kön­nen.

Sonnenaufgang

Die lange Pause tut mir gut. Es wird langsam heller und über uns ist der Hang schon im Licht. Alles erscheint mir total sur­re­al, als wäre ich gar nicht wirk­lich hier, son­dern würde nur träu­men. Wir gehen langsam weit­er, was ganz gut klappt. Als wir die Son­nenkante erre­ichen, machen wir Pause und wär­men uns auf. Ich schlüpfe aus meinen Schuhen und reibe meine gefüh­llosen Füße. Wir sind nun auf 5.900m angekom­men. Benoît ist mit der anderen Grupe schon vorausg­gan­gen, denn ihm wurde auch sehr kalt beim Warten. Von hier sind es noch 40 Minuten zum Gipfel. Wir gehen einen Schut­thang hin­auf, der zum Teil mit Schnee bedeckt ist. Wir machen langsam. Mir geht es immer noch nicht gut, aber die schlimm­sten Symp­tome bleiben jet­zt aus.

Endlich am Gipfel

Wir erre­ichen eine Kuppe und kön­nen zum ersten Mal den Gipfel sehen. Er ist schneebe­deckt und es gibt sog­ar ein Gipfelkreuz. Auf Schutt und Schnee stapfen wir den let­zten Hang hin­auf, dann haben wir es geschafft. Wir ste­hen auf dem Gipfel des 6.057m hohen Chachani. Unser erster 6.000er! Oben wer­den wir schon von Benoît erwartet, der auch nicht mehr 100%ig fit zu sein scheint und froh ist oben zu sein. Mir geht es den Umstän­den entsprechend gut, bin aber froh es hin­ter mir zu haben und nur noch den Abstieg vor mir zu haben.

So schnell werde ich nicht mehr auf solche Höhen vorstoßen. Wir genießen die Aus­sicht vom Chachani — Are­quipa unter uns und Misti daneben. Wir sehen den Ampa­to und den rauchen­den Saban­caya. Ich befinde mich noch immer in ein­er Art Trance Zus­tand und nehme das alles nur auf ein­er anderen Ebene wahr, die nicht zu mir zu gehören scheint. Trotz­dem bin ich glück­lich es geschafft zu haben, sehr gemis­chte Gefüh­le.

Abstieg vom Chachani

Zuerst gehen wir den Weg hin­unter auf dem wir gekom­men sind. Dann führt uns der Guide in einen steilen sandi­gen Schut­thang. Unter dem Sand ist der Boden gefroren und man rutscht auf dem Schutt darüber unkon­trol­liert. Immer wieder treten die oberen Steine los, die auf die anderen herunter rollen. Keine Ahnung warum wir nicht auf dem Weg geblieben sind, es ist nicht so, dass wir in Zeit­not steck­en würde.

Der Guide will, dass wir wegen der Stein­schlagge­fahr zusam­men­bleiben. Aber anstatt auf die hin­teren zu warten, ren­nt er weit­er voraus. Das Gelände wird bess­er als wir weit­er runter kom­men, da der Boden nicht mehr gefroren ist und man wie in einem nor­malen Schut­tfeld gehen kann, aber es ist ziem­lich anstren­gend. Unser Guide ist schon weit voraus.

Alex und ich gehen langsam den Hang hin­unter, der ziem­lich stu­abt. Mir geht es jet­zt gut und es gibt keinen Grund weshalb wir uns beeilen müssten. Am Ende des Hangs erre­ichen wir das Base­camp wo wir eine län­gere Pause machen. Mit­tler­weile ist es ziem­lich warm und ich entledi­ge mich einiger Klei­dungss­chicht­en. Über die Felsen steigen wir den Weg zurück zum Auto. Es ist ganz inter­es­sant wie es hier am Tag aussieht und wir kön­nen Vicuñas sehen. Wir sind aber auch müde und geschafft und froh als wir am Auto ankom­men. Es ist heiß und ich ziehe mir die lange Unter­ho­sen aus. Alles ist ziem­lich ver­staubt.

Rückweg nach Arequipa

Wir ver­ab­schieden uns von unserem Guide, der hier am Chachani bleibt da bald eine neue Gruppe kommt, die hier über­nachtet. Viele machen diese Tour an zwei Tagen und schlafen am Base Camp. Da sich Höhenkrankheit aber oft über Nacht entwick­elt und es vie­len in der Nacht schlecht geht und sie nicht schlafen kön­nen, haben wir uns für die Ein-Tages-Vari­ante entsch­ieden. Unserem Guide geben wir kein Trinkgeld, eine schwache Leis­tung. Wir ler­nen daraus nicht mehr das bil­lig­ste Ange­bot wahrzunehmen wenn es um Guides auf anspruchsvollen Berg­touren geht. Das geht solange gut, solange keine Prob­leme auf­tauchen.

Die Qual­ität eines Guides erweist sich erst wenn es zu Prob­le­men kommt. Gute Bergführer kosten eben ihr Geld. In unserem Fall erwies sich unser Guide tat­säch­lich nur als Führer, der uns den Weg gezeigt hat, nicht aber als klas­sis­ch­er Bergführer, der alle Aspek­te ein­er Bergbestei­gung wahrn­immt und sich entsprechend küm­mert. Ich bin froh es heil über­standen zu haben.

Wir fahren auf einem ziem­lich hol­pri­gen Weg nach Are­quipa zurück. Obwohl ich ziem­lich müde bin, schlafe ich nicht viel. Unser Fahrer erzählt uns davon, dass bei der Fir­ma sog­ar schon mal ein Wan­der­er am Chachani im Nebel ver­loren ging, weil sein Guide nicht richtig auf ihn geachtet hat. Ein Ret­tungstrup fand ihn zum Glück noch lebend. Auf solchen Höhen kann es schnell um Leben und Tod gehen. Zurück in Are­quipa ver­ab­schieden wir uns von Benoît und gehen was essen. Im Hos­tel fall­en wir ins Bett und schlafen. Ein langer Tag, der mehr als 30 Stun­den dauerte.


 

FAKTEN ZUR TOUR
Berg­tour Chachani (6.0570m)

Gehzeit: 8–9h rauf, 3–4h runter
Höhen­meter: 1.100 hm
Aus­gangspunkt: Cam­pa­men­to de Azufera (4.950m)
Über­nach­tungsmöglichkeit: Mit Zelt am Base Camp (5.200m)
Schwierigkeit: T4 — Alpin­wan­dern, jedoch auf großer Höhe und weg­los

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