Schottland: Durch das schottische Hochland im Winter

Posted: 5. März 2009

Der West High­land Way führt 160 km von den schot­tis­chen Low­lands in das schot­tis­che Hochland. Der Fer­n­wan­der­weg führt über malerische Seen, wilde Täler, Moore. Unsere Her­aus­forderung: Der erste richtige Fer­n­wan­der­weg für uns, dazu noch im Win­ter.

Schon beim Lan­dean­flug auf Schot­t­land kön­nen wir schneebe­deck­te Hügel und Flächen erblick­en. Wir fra­gen uns schon schnell ob wir nicht total ver­rückt seien so ein Vorhaben zu dieser Jahreszeit zu real­isieren. Das Vorhaben beste­ht darin den 95 Meilen lan­gen West High­land Way im Win­ter zu laufen. Neben des etwas ungemütlich anmu­ten­den Wet­ters hat das aber auch Vorteile: Die Mück­en bleiben aus und unsere Haut ver­schont. Etwas mul­mig ist uns der Gedanke zwar schon, vor allem der an die nächtlichen Tem­per­a­turen, aber uns ste­ht der Sinn nach Aben­teuer. Der West High­land Way ist ein 152km langer Wan­der­weg vom Nor­den von Glas­gow, am Loch Lomond und san­ften grü­nen Hügeln vor­bei, viele Schafe begrüßend, durchs Ran­noch Moor, an klaren Seen vor­bei, bis nach Fort Wil­iam am Fuße des größten Berges Schot­t­lands — dem Ben Nevis.

Erster Tag der Erstürmung des West Highland Ways
1. Etappe: Milngavie nach Drumquassle Farm, 17,5km

Wir nehmen früh den Bus nach Glas­gow. Auf der Fahrt dor­thin über­raschen uns dicke Schneeflock­en und eine win­ter­liche Land­schaft. Wir sind schon etwas schock­iert was die Aus­sicht­en auf die näch­sten Wan­dertage bet­rifft. Als wir allerd­ings in Glas­gow aussteigen, scheint wieder die Sonne und das Win­ter­wun­der­land erscheint uns wie ein Traum. Wir begeben uns in einen Out­door­laden um eine Gaskar­tusche für unseren Kocher zu erste­hen um dann mit dem Bus weit­er in den Vorort Mil­ngavie (gesprochen: Mull­guy, wer das nicht tut wird a) nicht ver­standen und b) belächelt), wo der West High­land Way begin­nt.

Sid­ney besorgt sich noch eine weit­ere Iso­mat­te nach meinem Hin­weis, dass seine mit­ge­brachte dünne kaum mehr als eine Gym­nas­tik­mat­te sei und ihn wohl kaum vor der Bodenkälte schützen würde. Gut aus­gerüstet und bester Laune starten wir am frühen Nach­mit­tag den Track, der san­ft durch Park und Wald führt. An diesem ersten Tag macht uns das Gewicht auf unseren Rück­en noch sehr zu schaf­fen, ins­beson­dere beim Bergau­flaufen, obwohl es kaum Anstiege gibt.

Sid­ney wird langsam bewusst worauf er sich hier ein­ge­lassen hat, aber nun gibt es kein Zurück mehr. Die Sonne scheint und besseres Wet­ter kann man sich kaum wün­schen. Wir erre­ichen bald einen schö­nen See und daraufhin ein wun­der­bares Tal mit Aus­sicht­en auf schneebe­deck­te Berge. Hier kann man sich ein­mal im Kreis drehen und sieht immer etwas Wun­der­bares. Hier fühlen wir uns sehr wohl, besteigen einen kleinen Hügel und genießen die Aus­sicht.

An diesem her­rlichen Tag genießen wir die Aus­sicht vielle­icht ein biss­chen zu lange, denn wir haben noch viel Weg vor uns und die Zeit schre­it­et unbarmherzig voran. Trotz­dem lassen wir uns die Pausen in der Sonne nicht nehmen, die uns dazu ver­leit­et länger zu ver­weilen als notwendig. Als wir in dem Schat­ten eines Baumes und ein­er alten Ruine Halt machen, begeg­nen uns zwei Deutsche aus Ham­burg, deren Nation­al­ität sofort am Akzent erkennbar war. Die bei­den sollen wir noch häu­figer auf dem Weg tre­f­fen und geben uns Anlass für Wort­spiele und Heit­erkeit.

Der Rest des Weges ist nun eher beschw­er­lich, obwohl noch über die Hälfte vor uns liegt. Die Aus­sicht ist wed­er schön noch spek­takulär. Der Weg führt ein gutes Stück an der Straße und ein­er Kläran­lage vor­bei. Erst im Dunkeln erre­ichen wir nach 17,5 km unser Lager für die Nacht – Drumquassle Farm. Der Rück­en schmerzt, die Füße ver­weigern fast den Dienst. Müh­sam und ver­bis­sen quälen wir uns die let­zten zwei Meilen vor­wärts.

Allerd­ings tre­f­fen wir erneut auf die bei­den Deutschen, die uns ein biss­chen unter­hal­ten und die Zeit somit schneller verge­hen lassen. Nach­dem wir das Zelt aufge­baut haben, die schmerzen­den Rück­en sich aus­ruhen durften und der Magen gefüllt war, genießen wir den leuch­t­en­den Ster­nen­him­mel über uns und den Anblick der Ponys direkt vor uns. Trotz der Kälte der Nacht friere ich nicht, wohl aber Sid­ney.

Von Nerds, Bergen, Seen und dem ersten Regen
2. Etappe: Drumquassle Farm bis irgendwo am Loch Lomond, 16km

Schon bei den ersten Son­nen­strahlen weckt uns der Hahn der Farm und wird nicht müde dies alle 20 Minuten zu wieder­holen. So hart­näck­ig wir auch ver­suchen ihn zu über­hören, sehr lange gelingt uns das nicht. Also begin­nen wir den neuen Tag, pack­en mit, vom kalten mit Eis über­zo­ge­nen Abwaschwass­er, klam­men Fin­gern das Zelt und unsere sieben Sachen. Heute ist der Him­mel bedeckt, aber es ist immer­hin trock­en. Unsere heutige Etappe sieht 16 km vor und wir sind guter Dinge.

Es verge­hen nicht viele Meilen und wir tre­f­fen aber­mals auf die zwei Deutschen, die in einem Hos­tel in der näch­sten Stadt über­nachtet haben. Man muss wis­sen, dass nicht nur wenige Leute diesen Weg voll­ständig im Win­ter laufen, son­dern auch so gut wie kein­er den Weg im Win­ter mit der Idee zu zel­ten läuft. All­ge­mein ist es kein Prob­lem sich das zusät­zliche Gewicht von Zelt, Schlaf­säck­en, Iso­mat­ten und Essen zu ers­paren, da es immer wieder Hotels auf dem Weg gibt, in die man einkehren kön­nte. Aber wir ziehen das volle Pro­gramm durch um das ganze Aben­teuer zu genießen. Auf­grund des Ausse­hens der bei­den, was sie so von sich gaben und der Tat­sache, dass es sich um Wirtschaftsin­for­matik­er han­delt, prägt sich der Begriff „Nerdic Walk­ing“ bei uns bei­den und wir haben unseren Spaß Scherze zu machen. Diese lenken uns ab und machen uns den Weg leichter.

Zwis­chen­durch erzählen wir uns Geschicht­en. Der weit­ere Weg führt durch einen Wald und schon bald taucht ein schneebe­deck­ter Berg vor uns auf. Wir stellen mit Erschreck­en fest, dass wir wohl darüber sollen und denken wohl bei­de das gle­iche als wir uns ansa­hen: „Da rauf?! Niemals!“. Bevor der Gipfel­sturm des Con­i­cal Hills, der eigentlich nicht mehr als 358m hoch ist, los­ge­hen soll, machen wir noch eine Pause auf ein­er Schaf­swiese.

Hier zeich­net sich hin­ter den Bergen bere­its der Loch Lomond ab, der größte See Schot­t­lands, an dem wir die näch­sten Tage vor­beilaufen wer­den. Nach­dem wir ein biss­chen länger als notwendig die Aus­sicht genossen haben und Sid­ney seine völ­lig durch­nässten Sock­en gewech­selt hat, begin­nen wir den Berg hin­aufzuschnaufen. Nur gut, dass uns dabei kein­er beobachtet. Wir find­en immer wieder einen Grund anzuhal­ten, vor allem der Aus­sicht wegen, natür­lich.

Oben liegen noch einige Schneefet­zen und schnei­den­der kalter Wind pfeift uns um die Ohren. Weit­er­hin set­zt leichter Regen ein. Kein guter Platz um zu ras­ten und die Aus­sicht zu genießen. Aber hier beg­ibt es sich, dass Sid­ney eine wichtige Lek­tion lernt. Er soll noch viel ler­nen auf unser­er Wan­derung, jeden Tag gle­ich mehrere neue Dinge. Heute ist es die Tat­sache, dass es eine reich­lich blöde Idee ist, sich auf den Boden zu set­zen, denn dieser ist unter Garantie feucht. So hat man einen nassen Hin­tern und wenn der Wind einem oben die Haut von den Knochen bläst, kommt es zu leicht­en Käl­teer­schei­n­un­gen.

Also gehen wir schnell weit­er und machen uns an den Abstieg, der sich als sehr steil und ungemütlich her­ausstellt. Ich wieder­rum lerne hier­bei zum einen, dass man seine Gelenke warm hal­ten sollte, und zum anderen nicht untrainiert an so einen Track range­hen sollte, denn der Abstieg bleibt nicht ohne Fol­gen für meine Knie.

Nach dem Abstieg  lan­det man in der kleinen Stadt Balma­ha, direkt am Loch Lomond. Hier füllen wir unsere Wasser­vor­räte auf und machen eine Mit­tagspause in der über­dacht­en Bussta­tion, kochen uns einen Tee und essen ein paar Brote. Direkt vor uns befind­et sich der Laden in dem wir unsere Nahrungsmit­tel auf­s­tock­en wollen. Allerd­ings geht dessen Tür im Laufe unser­er Tee­orgie zu. Wir sagen uns, dass das bes­timmt nur an dem ein­set­zen­dem Regen liegt. Allerd­ings stellen wir bald fest, dass es eher an den Ladenöff­nungszeit­en liegt. So müssen wir ohne Einkäufe weit­erziehen.

Der Weg führt uns nah am Loch Lomond vor­bei, der Regen find­et kein Ende mehr und wir hal­ten schon bald Auss­chau nach einem Platz zum Zel­ten, da es auch heute schon wieder dro­ht vor unser­er Ankun­ft dunkel zu wer­den. Aber wie das manch­mal so ist – genau wenn man danach sucht, ergibt sich abso­lut keine Möglichkeit unser Zelt aufzuschla­gen, da wir durch einen rel­a­tiv bewalde­ten Teil des Weges laufen, der dazu noch einige sump­fige Stellen zu bieten hat. Schließlich find­en wir einen Platz mit­ten im Wald neben einem Bach und stellen unser Zelt direkt am Weges­rand auf, da uns unsere Füße kaum noch einen Meter weit­er tra­gen wollen. Wildzel­ten in Schot­t­land ist zwar nicht direkt erlaubt, jedoch auch nicht ver­boten. Solange man seinen Müll wieder mit­nimmt und keine Spuren hin­ter­lässt, hat kein­er etwas dage­gen wenn man sein Zelt irgend­wo im Wald auf­schlägt.

Ich bin froh meinen Ruck­sack von den Schul­tern nehmen zu kön­nen und mich ins Zelt zu verkriechen. Wir essen Abend­brot und schlafen mit der leicht­en Sorge ein wo wir nun Vor­räte für die näch­sten Tage her­bekom­men sollen, da wir in abse­hbar­er Zeit nicht an ein­er Stadt vor­beikom­men.

Wir lernen mit jeder Meile dazu
3. Etappe: Irgendwo am Loch Lomond bis Rowchoish Bothy, 14,5km

Der Bach hat uns let­zte Nacht san­ft in den Schlaf geplätschert und heute bietet er einen per­fek­ten Platz für eine mor­gendliche eisig kalte Katzen­wäsche. Regen gibt es heute immer noch und soll auch für diesen Tag nicht mehr enden. Wir pack­en unsere Sachen und machen uns auf zum offiziellen Camp­ing­platz, der nicht weit von unserem Nacht­lager ent­fer­nt liegt. Zum Glück find­et sich hier ein klein­er Laden, der das Wichtig­ste zum Über­leben zu bieten hat. Brot gibt es lei­der nicht, aber die net­ten Leute geben uns etwas von ihrem eige­nen. Dabei kann man ler­nen, dass die Men­schen wirk­lich über­all fre­undlich sind, solange man ihnen nur fre­undlich und dankbar ent­ge­gen tritt. So deck­en wir uns mit Weet­bix, Gum­mibärchen und Tüten­nudeln ein und sind froh keine Sor­gen mehr zu haben.

Genau das ist das Wun­der­bare am Wan­dern – der Exis­ten­zial­is­mus. Es gibt keine All­t­agssor­gen mehr, keine Beziehung­sprob­leme, keinen Feier­abend­verkehr. Für uns zählt nur wo wir was zu essen bekom­men und wo wir schlafen kön­nen.  Alles andere erscheint unwichtig. (Na schön, für Sid­ney ist die Infor­ma­tion wo man Cashew Kerne erhal­ten kann eben­falls essen­tiell.) Auch wer­den banale Dinge zu etwas Beson­derem, sobald man sie nicht mehr hat. Wie zum Beispiel Brot.

Man lernt auch die ein­fachen Dinge zu schätzen, mit wenig zurechtzukom­men und gibt sich auch mit wenig Auswahl zufrieden. Das Über­leben ist gesichert, Luxus ist dabei über­flüs­sig. Und Luxus in Form von Gum­mibärchen und Snick­ers gibt es immer­hin auch über­all ;) Nicht nur die Damen vom Camp­ing­platz sind äußerst nett, son­dern auch der Camp­ing­platz selb­st begeis­tert uns als wir noch kurz die Toi­lette des­sel­ben benutzen. Sehr sauber und sog­ar mit Duschen. Wahnsinn. Duschen ist für uns absoluter Luxus. Des Weit­eren bekom­men wir einen Wet­ter­bericht, der nichts Gutes für die näch­sten Tage ahnen lässt: Stark­er Schnee, Hagel, Regen… Feine Aus­sicht­en.

Mein Knie macht sich heute beim Marschieren bemerk­bar. Offen­bar tat der steile Abstieg vom Berg gestern nicht gut. Ich laufe tapfer weit­er und hoffe auf Besserung. Heute liegen nur 14,5 km vor uns, die es allerd­ings in sich haben. Der Weg führt am Loch Lomond vor­bei, immer wieder hoch und runter und über viele Wurzeln und Steine, weswe­gen man immer vor­sichtig einen Fuß vor den anderen set­zen muss und nicht allzu schnell voran kommt. Der Regen peitscht einem dabei immer wieder unnachgiebig ins Gesicht. In Rowar­den­nan, wo es eigentlich nur ein Hos­tel und einen Park­platz gibt, sitzen wir auf ein­er Bank am See und genießen die Aus­sicht auf die schneebe­deck­ten Berge auf der anderen Seite.

Schon bald soll man davon auf­grund von tiefen Regen­wolken nicht mehr viel erken­nen. Danach geht’s bergauf und in den Wald. Der Regen begin­nt heftiger zu wer­den und schließlich kom­men wir unserem Nacht­lager näher. Heute sind wir schneller unter­wegs und es ist erst Nach­mit­tag, da wir nicht soviel pausiert haben wie an den let­zten zwei Tagen. Wir wollen zum Row­choish Bothy, eine alte Stein­hütte, die eine ein­fache Zuflucht für Wan­der­er bietet. Hier kann man kosten­frei über­nacht­en und hat ein Dach über dem Kopf. Allerd­ings ist die Suche danach nicht eben leicht, da Sid ver­schlägt direkt durch den Wald zu gehen anstatt dem Weg zu fol­gen. Nach­dem wir uns eine Weile durchs Geäst schla­gen, erre­ichen wir tat­säch­lich eine Lich­tung mit ein­er alten Stein­ruine und daneben: die Hütte!

Zwei Män­ner in Mil­itärklei­dung, die einen großen Baum­stamm tra­gen, kom­men uns ent­ge­gen und bestäti­gen, dass wir genau richtig sind. Bei den bei­den han­delt es sich um die Schot­ten Bar­ry und John, 32 und 36 Jahre alt. Sie kom­men im Win­ter ab und zu hier hoch, brat­en sich Fleisch, trinken Whisky, rauchen Gras und hack­en Holz, wenn kaum Touris­ten unter­wegs sind. Ein bere­its entzün­detes warmes Feuer am offe­nen Kamin erwärmt die nasse Klei­dung und die kalten Glieder. Wir hören Musik wie Kid Rock oder auch selb­st­ge­spielte schot­tis­che Flö­ten­töne. John reiste früher durch Europa und ver­di­ente sich Geld mit Flöten­spie­len. Sie über­lassen uns eine Menge Essen, das sie noch übrig haben. John sagt es sei seine Art zurück­zugeben was er damals auf seinen Reisen von net­ten Men­schen bekom­men hätte.

Wir fühlen uns wie im siebten Him­mel, spie­len sog­ar kurzzeit­ig mit dem Gedanken ob wir uns im Wald verir­rt haben und gestor­ben sind ohne es zu merken. Wir unter­hal­ten uns und erfahren, dass bei­de bere­its Kinder haben. Johns Fre­undin hat erst kür­zlich mit ihm Schluss gemacht, weil er dem Com­put­er zu viel Aufmerk­samkeit gewid­met hat. Kurz­er­hand hat er die Kiste verkauft und er ist mit seinem Kumpel am Woch­enende hier oben um sich ein wenig vom Kum­mer abzu­lenken. Wenn sie etwas beja­hen sagen sie immer „Aye“, das mag ich. Später soll sich her­ausstellen, dass es des Schot­tens eigene Art ist „yes“ zu sagen. Großar­tig.

John und Bar­ry hal­ten nichts von „Design­er Trekking Klei­dung“, wie sie sie beze­ich­nen, sie schwören auf Mil­itär­sachen, die gut und bil­lig sind. Sie zeigen uns auch wie man ein­fach Feuer macht. Mit einem Mag­ne­sium­stab kann man Funken erzeu­gen und Sid ist so begeis­tert davon, dass John ihm seinen alten Mag­ne­sium­stab schenkt. Sid­neys Augen glänzten wie die klein­er Kinder an Wei­h­nacht­en und in den näch­sten Tagen darf ich unseren Kocher nicht mehr mit dem Feuerzeug anzün­den, weil er sein neues Spielzeug ein­wei­hen will.

Der Regen pras­selt auf das Dach während es draußen dunkel wird und ist gut ihn draußen zu wis­sen. Unsere Klei­der haben auch endlich eine Chance an der Wäscheleine im Haus zu trock­nen. Sid­ney lernt wieder eine wichtige Lek­tion, die bei­den Schot­ten kurz und präg­nant zusam­men­z­u­fassen wis­sen: „Cot­ton kills!“. So präg­nant ver­mochte ich es vor der Tour wohl nicht auszu­drück­en, vor allem nicht dessen Wichtigkeit. Da Sid­ney offen­bar ein stark schwitzen­der Mann ist, waren seine vier Bun­deswehrbaum­woll-T-Shirts, die er einst als unheim­lich prak­tisch emp­fand, schon nach dem ersten Tag nass und da Baum­wolle nur langsam trock­net wer­den sie auch nicht mehr trock­en im Laufe der Zeit. Vor allem aber hält nasse Baum­wolle nicht mehr warm, son­dern lässt einen schnell frieren, weswe­gen Baum­wolle ein­deutig zum Tode führt.

Nach dem lan­gen Sitzen wer­den meine Knie sehr steif und schmerzen sehr, was mir langsam Sor­gen bere­it­et. Wir verkriechen uns in die Schlaf­säcke, die von vie­len kleinen Teelichtern von Bar­ry und John erhellt wer­den, ich lese noch ein wenig aus dem „Anhal­ter durch die Galax­is“ vor und dann ver­brin­gen wir die wohl käl­teste Nacht des Tracks. In dieser Nacht begin­nt es heftig zu schneien, sog­ar zu hageln, wie man am Geräusch der Körn­er, die auf das Well­blech­dach tre­f­fen, vernehmen kann.

Der erste Luxus
4. Etappe: Rowchoish Bothy bis Inverarnan, 16km

Gle­ich am Mor­gen ler­nen wir unsere näch­ste Lek­tion. Und zwar die, dass man Essen in Hüt­ten niemals am Boden auf­be­wahren sollte. Als wir unser Brot zum Früh­stück essen wollen, müssen wir fest­stellen, dass es ver­schwun­den ist. Lediglich die zer­fet­zte Ver­pack­ung ist übrig geblieben. Wir sind ver­wirrt und ich bin überzeugt, dass sich das Brot ja irgend­wo befind­en müsse. Ganz klar: Sid­ney muss es in der Nacht aufge­fut­tert haben oder auf dem Weg ver­loren haben! Schlussendlich kommt her­aus, dass wohl Rat­ten unser Brot geplün­dert haben. Die Ver­pack­ung ist zer­fet­zt und kaum noch als solche zu iden­ti­fizieren und nicht ein einziger Krümel blieb übrig. Da war jemand sehr gründlich. So haben wir kein Früh­stück, aber John und Bar­ry geben uns etwas von ihrem ab. Wir sind trau­rig um das Brot, das uns von guten Men­schen geschenkt wurde.

Schneere­gen begrüßt uns als wir vor die Hütte treten und unseren Weg weit­er­führen. Weit­er­hin führt der Weg immer wieder hoch und runter, ist steinig und wurzelig. Licht­blicke ver­spricht jedoch der Anblick der Inver­snaid Falls, die sich laut und gewaltig in den Loch Lomond ergießen.

Der Weg wird hier immer schwieriger, da es viele Felsstufen gibt, die viel Aufmerk­samkeit und Vor­sicht ver­lan­gen. Vor allem meine Knie beschw­eren sich beim Abwärt­slaufen. Später sollen wir erfahren, dass nicht etwa die let­zten Etap­pen des West High­land Ways die schw­er­sten sind, wo der größte Anstieg zu bewälti­gen ist, son­dern die Meilen am Loch Lomond ent­lang, da das Gelände schwierig und unwegsam ist und man nur langsam voran kommt. Die schlam­mi­gen Teile des Weges machen die Sache auch nicht ger­ade ein­fach­er und die Hosen von unten dreck­ig und nass. Dabei ler­nen wir, dass Gam­aschen eine sin­nvolle Investi­tion darstellen. Vor­bei kom­men wir an Rob Roy’s Cave, die nicht tat­säch­lich eine Höh­le ist, son­dern vielmehr eine Felss­palte zwis­chen abgestürzten Felsen am Ufer.

Mit­tagspause machen wir im Doune Bothy, eine weit­ere Hütte mit offen­er Feuer­stelle, die bere­its von einem Schot­ten entzün­det wurde. Die Klei­dung dampft etwas aus, wir stärken uns und als wir wieder vor die Tür treten, hat der Regen sog­ar aufge­hört. Nun ver­lassen wir den Loch Lomond, der in weniger als ein­er Meile nach der Hütte endet und wer­fen einen let­zten Blick auf den See, der uns einen krö­nen­den Abschluss von ein­er leicht­en Anhöhe bietet. Es geht wegen mein­er Knie, denen der erneute Abstieg nicht leicht fällt, nur schle­ichend voran und nach den heuti­gen 16km lan­den wir in Inver­ar­nan, ein­er klein­er Sied­lung mit Bed & Break­fasts, einem Pub und einem Camp­ing­platz. Wir erhof­fen uns hier eine erste Dusche und freuen uns bere­its Meilen vorher darauf. Allerd­ings hat der Camp­ing­platz noch geschlossen.

Wir dür­fen zwar unser Zelt auf­stellen, die san­itären Ein­rich­tun­gen wären allerd­ings geschlossen. Kurz­er­hand beschließen wir nach Inver­ar­nan hinein zu gehen und uns ein Bed & Break­fast zu gön­nen. Wir find­en eine heimelige Unterkun­ft mit beque­men Bet­ten und schön ein­gerichteten Zim­mern. Es ist ein wahnsin­niger Luxus mal wieder in Bet­ten zu schlafen, sich duschen zu kön­nen und unsere Klei­dung gewaschen zu bekom­men um am näch­sten Tag in frische und trock­ene Klei­dung schlüpfen zu kön­nen.

Zum Aben­dessen gehen wir in den uri­gen Pub gegenüber, den uns nicht nur John und Bar­ry, son­dern auch der Mann im Doune Bothy emp­fohlen haben. Dies ist wirk­lich ein schön­er Geheimtipp. Ab und an gibt es dort sog­ar Live Musik, es gibt gutes Essen, ein offenes Feuer und jede Menge aus­gestopfte Tiere an den Wän­den — sog­ar ein Bär ste­ht im Ein­gang. Nach­dem wir einen großen Burg­er ver­putzt haben und uns so satt wie seit län­gerem nicht mehr gefühlt haben, schlafen wir warm und behütet im Inneren des Haus­es und fühlen uns ein­fach nur pudel­wohl.

Erste Hälfte beinahe geschafft, das muss gefeiert werden!
5. Etappe: Inverarnan bis Tyndrum, 19,5km

Wir bekom­men ein dick­es Früh­stück in der Küche des Haus­es kre­den­zt. Ein typ­isch englis­ches, d.h. vor allem ein sehr unge­sun­des, mit Speck, Würstchen, geback­e­nen Bohnen, Eiern und Toast­brot. Genau das richtige für hun­grige Wan­der­er! Ich esse soviel wie ich kann, um viel Energie für den Tag zu haben. Denn auch das habe ich auf dem Track gel­ernt — soviel essen wie möglich! Es ist großar­tig so umsorgt zu wer­den von der Her­bergs­dame. Sie fragt immer wieder ob wir noch etwas möcht­en, ob wir noch Tee bräucht­en und wir kom­men uns vor wie in einem Heile-Welt-Fam­i­lien­film. Aus dem Küchen­fen­ster haben wir direk­ten Aus­blick auf einen großen Wasser­fall. Wirk­lich ein wun­der­bares kleines B&B — a home away from home.

Mein Knie schmerzt immer noch und wir laufen die 10km bis nach Cri­an­larich, wo es endlich wieder einen Super­markt mit größer­er Auswahl gibt. Hier sor­gen wir für Vor­räte für die näch­sten Tage und für Creme für mein Knie. Wir beschließen die restlichen 9 ½ km mit dem Bus zu fahren um meinem Knie etwas Ruhe zu gön­nen und so den Rest des West High­land Ways noch bewälti­gen zu kön­nen. Wir set­zen uns in die Bahn­sta­tion, wo es einen kleinen Warter­aum gibt, genießen die Sonne, brauen uns einen Tee und warten die zwei Stun­den auf den Post­bus, der uns mit nach Tyn­drum nehmen würde. Der Post­bus fährt uns direkt zum Hos­tel in Tyn­drum, wo wir uns ein leck­eres Aben­dessen MIT Dessert zaubern. Wir feiern die Tat­sache, dass wir bere­its 72km hin­ter uns gebracht haben. Der Hostelbe­sitzer erzählt uns auch, dass wir den schwierig­sten Teil, den am Loch Lomond ent­lang, bere­its hin­ter uns hät­ten. Nun würde es schneller voran gehen, da der Weg bess­er würde. Wir sind skep­tisch, da das an der Wand des Hos­tels aufge­malte Höhen­pro­fil hohe Anstiege ver­heißt, ins­beson­dere der Gedanke an die Devil’s Stair­case – der höch­ste Punkt des Tracks – lässt uns erschaud­ern.

Wir beschließen auch uns im Gäste­buch des Hos­tels zu verewigen indem wir unsere Lek­tio­nen, die wir bish­er auf dem Track gel­ernt haben, mit anderen zu teilen:
1) Cot­ton Kills — Baum­wolle tötet!
2) Wenn du glaub­st gut auf das Wet­ter vor­bere­it­et zu sein — du bist es nicht!
3) Wenn du das schot­tis­che Wet­ter nicht magst — warte 15 Minuten!
4) Both­ies (kleine kosten­lose Hüt­ten) sind großar­tig, aber pass auf! Stelle sich­er, dass dein Essen hoch und sich­er hängt, anson­sten musst du es mit den Mäusen teilen.
5) Auch wenn es warm und son­nig aussieht — sitz nicht auf dem Boden, denn er ist sich­er vom let­zten Regen nass und der Wind wird dir die Haut von den Knochen blasen.
6) Iss soviel zu kannst — du wirst es brauchen.
7) Geld kann keine Fre­und­schaft kaufen, aber es gibt ein paar käu­fliche Fre­unde: Fleece Inlet für deinen Schlaf­sack, Tee, Wan­der­stöcke und Gam­aschen.
8) Du kannst das Wass­er aus den Flüssen benutzen. Achte ein­fach darauf, dass es von Moos gefiltert ist und koche es ab!
9) Nasse Schuhe machen Run­zeln an den Füßen.
10) Bleib immer in guter Stim­mung und lass dir die Sonne aus dem Arsch scheinen, denn in Schot­t­land wird sie es nicht tun.

Paradiesische Zustände: Pausentag

Da mein Knie mir immer noch Prob­leme bere­it­et, beschließen wir einen Tag Pause einzule­gen. Am Mor­gen besuchen wir den örtlichen Out­door­shop und ich besorge mir Wan­der­stöcke um meine Knie zu ent­las­ten und Sid­ney ein Oberteil, das nicht aus Baum­wolle beste­ht. Immer­hin ste­hen uns ganz andere Höhen­la­gen als bish­er bevor und das heißt, dass es dur­chaus käl­ter wer­den kön­nte. Unser Weg soll uns sog­ar am Skige­bi­et vor­bei führen, wie uns der Hostelbe­sitzer erzählt.

Nach­dem wir unseren Einkauf been­det haben, schnap­pen wir uns unsere Schlaf­säcke und leg­en uns auf einen Hügel in die schot­tis­che Win­ter­son­ne. Der gesamte Tag soll son­nig und klar bleiben. Wir entspan­nen uns, genießen die Wärme der Son­nen­strahlen, ein paar Stück­en Cad­bury Schoko­lade, das Plätsch­ern des nahen Flusses sowie die Aus­sicht auf die umliegen­den schneebe­deck­ten Berge. Wir liegen sehr lange dort, ruhen uns aus und lassen die Seele baumeln. Es ist ein­fach ein per­fek­ter Tag. Und da wir bere­its so viel gelaufen sind, fühlt es sich auch ganz wun­der­bar an, ein­fach mal nichts zu tun und diese Pause wirk­lich zu ver­di­enen.

Die Sonne ver­leit­et uns mit der Zeit sog­ar som­mer­liche Gefüh­le zu bekom­men, die mir den Kom­men­tar ent­fahren lassen, dass man ja fast mit dem Gedanken spie­len kön­nte die Füße in den Fluss zu steck­en. Sid­ney nimmt mich beim Wort und wir sprin­gen aus den Schlaf­säck­en auf den Bach zu. Allerd­ings sind schon auf dem Weg nach unten unsere Füße ordentlich nass und kalt durch die nassen Grashügel. So entern wir nur kurz den Fluss mit diesem bek­loppten Spon­tane­in­fall und kriechen schnell wieder in unsere war­men Schlaf­säcke.

Trübe Aussichten
6. Etappe: Tyndrum nach Victoria Bridge, 17km

Heute bricht der sech­ste Wan­dertag auf dem West High­land Way an und vor uns liegen 17km. Von dem schö­nen Wet­ter von gestern bleibt nur eine Erin­nerung, denn am heuti­gen Tage begrüßen uns die gle­ichen grauen und nassen Aus­sicht­en wie eh und je. Wir sehen nicht viel von der Umge­bung auf­grund des schlecht­en Wet­ters, später pfeift uns noch der Wind unan­genehm durch die Glieder. Der Weg führt uns durch Wei­de­land, zu Fuße eines schneebe­deck­ten Berges, bis zur kleinen Sied­lung Bridge of Orchy, wo wir an der Bahn­sta­tion eine kleine Pause machen. Danach über­sprin­gen wir einen kleinen Hügel indem wir an der kleinen Straße außen herum ent­lang geh, die zwar etwas länger, dafür aber eben ver­läuft um meinem Knie nicht zu viel zuzu­muten. Man hat dabei schöne Aus­sicht­en auf den See Loch Tul­la. Schon in Bridge of Orchy kann ich meine Knie nicht mehr anwinkeln, was mir das Laufen erschw­ert und uns nur langsam voran bringt. Es begin­nt heftiger zu reg­nen und der Wind peitscht uns den Regen ins Gesicht und nässt uns völ­lig durch. Wir sind heil­froh an unserem Rast­platz – Vic­to­ria Bridge — anzukom­men. Bei heftigem Wind ver­suchen wir das Zelt aufzubauen und suchen dabei etwas Schutz hin­ter der Brücke. Wir verkriechen uns im Zelt und bewe­gen uns kein Stück mehr, wir schaf­fen es nicht mal noch viel zu essen und schlafen früh ein.

Der Goldtopf am Endes des Regenbogens
7. Etappe: Victoria Bridge bis Kings House Hotel, 15km

Heute haben wir eine Strecke von 15km vor uns, die als schön­ster Teil des Tracks proklamiert wird — die Strecke von Vic­to­ria Bridge nach King­shouse. Man bewältigt hier einen Anstieg von 330m und läuft an ein­samen Tälern, klaren Seen, Moor­land­schaften und hohen Bergen vor­bei. In der Nacht hat uns das Zelt mit Hil­fe des Windes ein wenig ver­prügelt, aber am Mor­gen scheint uns die Sonne ins Gesicht und macht uns Hoff­nung auf einen trock­eneren Tag als den vorheri­gen. Zu Anfang ist dem auch so als wir die alte Straße, die heute nicht mehr benutzt wird, aber noch gut erhal­ten ist, ent­lang stiefeln. Dies ver­leit­et uns mal wieder dazu mehr und län­gere Pausen als notwendig zu machen.

Als wir dann das Ran­noch Moor erre­ichen, begin­nt es einzutrüben und der Wind treibt Regen übers Land. Die Aus­sicht ist wirk­lich fan­tastisch. Die düsteren Wolken­berge zaubern eine inter­es­sante, aber bedrohliche Ath­mo­sphäre. Wir laufen eine lange Zeit durch die Wild­nis und tre­f­fen auf keinen einzi­gen Men­schen. Der Wind frischt auf und treibt uns den stärk­er wer­den­den Regen ins Gesicht und in die Klei­dung. Meine Knie begin­nen wieder zu schmerzen und ich erre­iche den Punkt an dem ich das Hand­tuch wer­fen, trotzig mit dem Fuß auf­stampfen und die Faust in die Luft streck­end schreien will „Du scheiß Track kannst mich mal!“. Ver­bis­sen kämpfen wir uns weit­er durch den Regen bis die her­rlichen Hügel von Glen Coe und Glen Etive mit den schar­fen fel­si­gen Gipfeln vom Buachaille Etive Moor ins Sicht­feld kom­men. Belohnend ist diese Aus­sicht vor allem deswe­gen, da die Sonne das Tal vor uns erhellt und den Blick auf einen riesi­gen Regen­bo­gen unter uns frei­gibt. Lei­der bin ich zu müde und erschöpft um meine Kam­era zu bemühen, was ich zwar tief bereue, aber die Aus­sicht in diesem Moment genießen wir trotz­dem aus­giebig.

Wir kom­men auch am Skige­bi­et vor­bei, dessen Lift allerd­ings geschlossen hat. Es ist wohl doch nicht mehr genug Schnee hier oben. Eine Tat­sache, die wir begrüßen.

Wir machen uns an den Abstieg, der vor allem für meine Knie beschw­er­lich ist, und ich habe Mühe nicht vom Wind umgewe­ht zu wer­den. Sid­ney packt mich immer mal wieder beim Ruck­sack, damit ich nicht in alle Him­mel­srich­tun­gen ver­streut werde. Total nass und am Ende kom­men wir dann in King­shouse an und schla­gen unser Zelt hin­ter dem Hotel an der Brücke auf. Wenn man aus dem Zelt hin­aus­blickt, hat man direk­te Aus­sicht auf einen hohen schneebe­deck­ten Berg. Das Gefühl sich nicht mehr bewe­gen zu müssen, ein Platz zum Schlafen, etwas zu essen zu haben und mit den Erin­nerun­gen an die wun­der­baren Aus­sicht­en, die uns der heutige Tag trotz schlechtem Wet­ter bot, stellt für uns den Gold­topf am Ende des Regen­bo­gens dar.

Des Teufels Stiegen
8. Etappe: Kings House Hotel bis Kinlochleven, 12,5km

Vor­mit­tags fläzen wir uns lange in den Schlaf­säck­en, bevor wir uns endlich erheben, ein paar Hirsche vor unserem Zelt begrüßen, und die 12,5 km bis nach Kin­lochleven starten, die es durch die Devil’s Stair­case allerd­ings in sich haben. Die Devil’s Stair­case stellen mit 563m den höch­sten Punkt des Tracks dar.

Wir laufen durch die Land­schaft hin­ter King­shouse, die von hohen Bergen und zack­i­gen Felsen gesäumt ist und schon bald geht es im Zick-Zack-Kurs die Devil’s Stair­case hin­auf. Wir schaf­fen es sog­ar uns auf der Hälfte des Weges einen Tee zu kochen. Wer kann das schon von sich behaupten? Wir haben den Track nicht nur mit voller Campin­gaus­rüs­tung im Win­ter bewältigt, son­dern auch einen Tee auf den Devil’s Stair­case gekocht. Der Tee gibt uns Kraft für den restlichen Anstieg und wir sind glück­lich am Gipfel angekom­men zu sein. Während ich die Aus­sicht auf das umliegende Berg­land und die ver­schneit­en Gipfel genieße und fotografiere, schafft Sid­ney sich ein ein­ma­liges Erleb­nis, das typ­isch für seine Natur ist. Auf dem Gipfel singt er das kom­plette „All sum­mer long“ von Kid Rock und tanzt dazu. Wir stapfen hier sog­ar durch tiefen Schnee in den man teil­weise kniehoch einsinkt. Allerd­ings ist der Schnee alt und nur stel­len­weise verteilt.

Der Abstieg bis Kin­lochleven ist gemäch­lich und lang. Schon von weit­em kann man den Loch Lev­en erblick­en. An dem heuti­gen Tag gibt es kaum Regen, was uns allein schon glück­lich stimmt. Mit der Dunkel­heit kom­men wir auch in Kin­lochleven an und find­en dort einen Super­markt, dessen Auswahl uns sog­ar ein wenig über­fordert. Nach all den Tagen mit winzi­gen Läden ist dieser kleine Super­markt ein wahres Paradies. Hier tre­f­fen wir auch auf ein nettes schot­tis­ches Paar, die sich bere­it erk­lärten auf unsere großen Ruck­säcke aufzu­passen während wir im Laden sind. Sie sprechen mich auch auf eine Tragödie in Deutsch­land an, die ihnen so leid täte. Ich bin etwas ver­wirrt. Tragödie in Deutsch­land? Durch die Tage in der Wild­nis haben wir so gut wie nichts Neues mit­bekom­men und die Welt lebte an uns vor­bei. Es stellt sich her­aus, dass es sich um einen Amok­lauf eines Schülers han­delt.

Wir suchen uns lauter Leck­ereien aus um uns ein angemessenes Mahl im Zelt zu bere­it­en. Aber­mals im Wald an einem Bach find­en wir einen Platz für die Nacht und erfreuen uns an unserem Hüh­nchen-Cur­ry. Nicht so erfreulich ist, dass Sid­neys Sock­en einen immer unan­genehmeren Geruch annehmen und jedes Mal beim Öff­nen seines Schlaf­sacks einem ein inter­es­san­ter Duft ent­ge­gen weht. Wir haben wohl mal wieder eine Dusche und frische Klei­dung nötig.

Letzter Tag auf dem West Highland Way
9. Etappe: Kinlochleven bis Fort William, 22,5km

Nach­dem wir ein Stück durch Kin­lochleven, das tat­säch­lich ein etwas größer­er Ort ist, laufen, begin­nt ein har­ter Auf­stieg, der den Devil’s Stair­case gefühlt in nichts nach­ste­ht. Als wir endlich oben ankom­men, kön­nen wir nicht etwa erle­ichtert aufat­men, son­dern wer­den fast vom starken Wind umgewe­ht. Es soll lange Zeit über einen Gebirgspass gehen, der keinen Unter­stand oder Schutz bieten und uns der kalte Wind eiskalt in die Glieder fahren würde. Wir über­legen ob wir das wirk­lich wagen sollen, vor allem in Gedanken an meine Kniege­lenke.

Immer­hin haben wir heute die mit 22,5 km läng­ste Strecke vor uns. Aber ich will auf keinen Fall aufgeben und zwinge mich weit­erzu­laufen. Wieder laufen wir vor­bei an ver­dutzten Schafen, die dann später in ein­er Rei­he hin­ter mir her­zock­eln. Es ist wohl doch so, dass ein Schaf dem Hin­tern des vorderen fol­gt… Es geht vor­bei an zwei Ruinen und rechts und links erstreck­en sich hohe Berge. Hier tre­f­fen wir auch wieder auf Men­schen – zwei Berg­steiger, die vorhaben einen der Gipfel zu erstür­men. Ver­rückt. Wir haben zu tun, dass uns der Wind nicht vom Weg weht und die Glieder nicht zu sehr auskühlt und die wollen noch höher hin­aus.

Später sprin­gen leicht­füßig einige Marathon­läufer, weib­lich und männlich, in kurzen Shorts und T‑Shirt an uns vor­bei und spurten durch die Pfützen und die schnei­dende Kälte als wäre das das Nor­mal­ste der Welt. Meine Knie machen mir hier oben sehr schnell zu schaf­fen, dadurch dass die Gelenke durch den kalten Wind schnell auskühlen. Ich schleppe mich. trotz Unwillen meines linken Knies sich anwinkeln zu wollen, voran. Trotz schön­er Land­schaft habe ich hier­von lei­der keine Fotos, da wir nur stur marschieren und es ver­mei­den anzuhal­ten um nicht auszukühlen.

Nach eini­gen Meilen führt es endlich nach unten und an geschützte Stellen im Wald. Etwas entspan­nter geht es nun inklu­sive Son­nen­schein über Hügel und Wei­de­land und der let­zte Teil führt durch einen uri­gen Wald mit vie­len Bächen und kleinen Wasser­fällen nach dessen Ende wir den mächti­gen Ben Nevis, den mit 1344m höch­sten Berg Schot­t­lands, wenn auch wolken­ver­hangen, sowie das Glen Nevis Tal, erblick­en.

Es geht ent­lang der Straße durch das Glen Nevis Tal auf unseren End­punkt Fort Wil­iam zu. Der let­zte Teil des Weges ist sehr unspek­takulär. Immer an der Straße ent­lang und mit der Hoff­nung auf das Ende. Kurz bevor wir das erre­ichen, tre­f­fen wir durch irgen­deine merk­würdi­ge Koinzi­denz das schot­tis­che Paar vom gestri­gen Tag wieder, das uns ger­ade ent­ge­gen kommt.

Schon bald erre­ichen wir das Schild, dass das Ende des West High­land Ways verkün­det und formieren uns erschöpft, aber stolz und glück­lich davor für das Siegerfo­to.
Daraufhin begeben wir uns auf die Suche nach ein­er Bank und einem Hos­tel, kaufen ein paar Nudeln, waschen uns den Dreck von der Haut und erfreuen uns der Mahlzeit, Trock­en­heit und Wärme sowie dessen, dass wir die Her­aus­forderung tat­säch­lich gemeis­tert haben.

Rückfahrt nach Edinburgh

Eigentlich ist heute noch ein Besuch des Loch Ness geplant, allerd­ings kommt man son­ntags kaum vom Fleck bzw. von dem anderen Fleck wieder weg. Wir müssen heute noch nach Edin­burgh, weil mor­gen früh unser Flug geht. Ich kaufe noch zwei Tafeln aller­fe­in­ster Cad­bury Schoko­lade für zu Hause und wir beschließen nur nach Edin­burgh zu fahren und dort noch was zu machen.

Einen schö­nen Abschluss bietet die Bus­fahrt von Fort Wil­iam nach Glas­gow. Der Bus fährt nahe bei der gelaufe­nen Strecke ent­lang und durch viele Hal­tepunk­te auf unserem Weg wie King­shouse und Tyn­drum. Hier wird einem nochmal die Dimen­sion bewusst. Zum einen die der Dis­tanz, zum anderen die der gewalti­gen Berge und Täler. Wo der Bus nur drei Stun­den benötigt, braucht­en wir ganze neun Tage. Lächer­lich. Den­noch hat man beim Laufen viel mehr Zeit das Gese­hene aufzunehmen und zu reflek­tieren – eine ganz andere Art des Reisens, bei der der Weg das Ziel darstellt.

Schw­er fällt der Abschied, die Zeit hier war wun­der­bar. Auf dem Track haben wir viele nette Men­schen getrof­fen, sind wieder um Erleb­nisse und Erfahrun­gen reich­er gewor­den und ich bin sich­er, dass ich noch ein­mal zurück­kehren werde.


FAKTEN ZUR TOUR
Trekking­tour West High­land Way
Gehzeit: sechs bis neun Tage
Länge: ca. 160km
Gesam­tanstieg: ca. 3.633hm
Aus­gangspunkt: Mil­ngavie bei Glas­gow, Schot­t­land
Schwierigkeit: Leicht
Mehr zur Tour gibt’s hier.

No Comments

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.