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Weniger ist mehr: Überflüssige Ausrüstung, die Thru-Hiker zuhause lassen sollten

Posted: 6. Februar 2024

Lasst uns über die Kunst des Verzichts sprechen. Wenn ihr diesen Artikel lest, steht ihr wahrscheinlich vor der großen Herausforderung, euren Rucksack für das Abenteuer eures Lebens zu packen. Aus eigener Erfahrung und den zahllosen Geschichten, die ich von Mitwanderern gehört habe, weiß ich, dass die Kunst des Weglassens oft der Schlüssel zum Glück auf dem Trail ist.

Jeder von uns hat zu Beginn unserer Thru-Hiking-Karriere diesen einen Gegenstand eingepackt, von dem wir überzeugt waren, dass wir ihn unbedingt brauchen würden. Bei mir waren das zum Beispiel Campschuhe und viel zu viel Elektronik – ein Luxus, der schnell zur Last wurde. Rückblickend kann ich über meine damalige Naivität nur schmunzeln. Genau wie bei mir, landen viele dieser „unverzichtbaren“ Ausrüstungsgegenstände in den Hikerboxen, den stillen Zeugen unserer Lernprozesse. Diese Boxen, in denen Gegenstände zurückgelassen werden, die Wanderer nicht mehr benötigen oder die einfach zu schwer sind, sind eine Fundgrube der Erkenntnis.

Bei Anfängern sehe ich immer wieder die gleichen Dinge auf ihrer Packliste, die viele der Meinung sind zu brauchen und von denen sich dann schnell herausstellt, dass dem nicht so ist und die dann in besagten Hikerboxen landen. Auf der folgenden Liste befinden sich die am gängigsten zurück gelassenen Gegenstände.

Die meisten Dinge auf dieser Liste musste ich selbst erst erlernen. Auch ich habe mir eingebildet vieles davon zu brauchen bis ich es einfach mal ohne ausprobiert und festgestellt habe, dass es mir tatsächlich nicht fehlt. Letztlich muss jeder die Erfahrungen selbst machen. Genau die gleichen Argumente, die ich damals selbst für diese Gegenstände hatte, höre ich heute von angehenden Thru-Hikern.

Auch wenn erfahrene Thru-Hiker einem diese Tipps geben, oft nimmt man die Sachen trotzdem mit, weil man eben so sehr davon überzeugt ist und die „paar Gramm“ schon keinen Unterschied machen werden. Lasst mich euch sagen, diese „paar Gramm“ summieren sich schnell, wenn man das bei vielen Ausrüstungsgegenständen sagt und sie dann bedenkenlos in den Rucksack stopft. Bis euch das Rucksackgewicht in den ersten Wochen auf dem Trail dann doch so mächtig runterzieht, dass ihr anfangt eure Ausrüstung doch nochmal neu zu evaluieren und zu überlegen, was sich vielleicht aussortieren lässt.

Die üblichen Verdächtigen

1. Camp Schuhe oder Schuhe zur Flussüberquerung
Viele unerfahrenere Thru-Hiker glauben daran ein zweites Paar Schuhe zu benötigen. Sei es zur Bequemlichkeit an Towndays, im Camp oder gar für Flussüberquerungen. Die Realität sieht meist so aus, dass ihr die Schuhe nicht nutzen werdet. Bei Flussüberquerungen werdet ihr schnell feststellen, dass es viel zu aufwendig ist, die Schuhe jedes mal aus- und wieder anzuziehen, vor allem auf Trails wie dem Te Araroa, wo täglich unzählige Flussüberquerungen anstehen.

An Towndays mag es tatsächlich ganz nett sein, aber ist ein Townday einmal in der Woche es tatsächlich wert das zusätzliche Gewicht zu tragen? Die Realität auf dem Trail zeigt, dass Komfort in der Einfachheit liegt – ein gutes Paar Trailrunner reicht völlig aus. Ich habe mir auf dem TA auch noch eingebildet ein zweites Paar Schuhe zu brauchen. Auf dem PCT habe ich es dann einfach ohne versucht und siehe da, ich habe kein weiteres Paar Schuhe vermisst. Das setzt natürlich voraus, dass eure gewählten Wanderschuhe euch hundertprozentig passen. Denn wer sich erstmal üble Blasen gelaufen hat, sehnt sich vielleicht tatsächlich nach ein paar Sandalen. Erstrebenswert ist das aber sicher nicht.

Unter den Dingen, die ich anfangs in den Hikerboxen auf dem PCT am häufigsten gesehen habe, waren Schuhe in allen Variationen. Entweder Trailrunner, die dann doch nicht gepasst zu haben scheinen, oder eben andere Schuhe, die als Campschuhe gedacht gewesen sein mögen.

Gute Trailrunner sind die einzigen Schuhe, die ihr braucht

2. Zu viel Kleidung
Die Wahrheit ist, ihr werdet stinken. Akzeptiert es. Es gehört zur Thru-Hiking-Erfahrung dazu Ihr braucht nicht für jeden Tag ein frisches Outfit. Weniger ist hier definitiv mehr. Ersatzkleidung wird oft völlig überbewertet. Ihr braucht keine Schlafkleidung, ihr schlaft einfach in dem was ihr tagsüber tragt und in kalten Nächten vielleicht ein paar wärmeren Kleidungsstücken oben drüber. Keiner wird euch schief angucken, weil ihr etwas streng riecht, Löcher oder Dreck in der Kleidung habt. Das gehört dazu. Auch für Towndays benötigt ihr keine Extra-Kleidung. Für die kurze Zeit der Wäsche könnt ihr eure Regenkleidung tragen. Es braucht auch keine fünf Paar Socken und Unterhosen. Zwei bis drei Paar sind völlig ausreichend. Viele Thru-Hiker tragen nicht mal Unterhosen, was ich als Frau jedoch weniger angenehm finde.

Jeder Ausrüstungsgegenstand sollte einen möglichst multifunktionalen Zweck erfüllen. Ein Buff kann zum Beispiel als Stirnband, Schweißfänger, Mütze, Halstuch und sogar benutzt werden um Dreck aus Wasser zu filtern. Zusammen mit einer Kapuze von Daunen- oder Fleecejacke macht ein Buff die Verwendung einer Mütze redundant. Und für alles weitere gilt das Zwiebelprinzip, also das Schichten verschiedener Kleidung, die auch einzeln hervorragend funktioniert und bei tieferen Temperaturen zusammengenommen einen ausreichenden Wärmefaktor bieten.

3. Unterhaltung & Elektronik
Unterhaltung ist schön und gut, aber 1) Werdet ihr zumindest anfangs oft so erschöpft sein, dass ihr es nicht braucht 2) Irgendwann werdet ihr sozial eingebunden sein und keine weitere Unterhaltung brauchen und 3) Genügt für alle anderen Situationen ein Smartphone. Damit könnt ihr Fotos machen, mithilfe der Kindle App könnt ihr lesen, Audible lässt euch Hörbücher hören, Spotify bietet euch auch offline eure Lieblingsmusik und auf Streaming-Plattformen lassen sich eure Lieblingsserien auch offline speichern.

Bei meinem ersten Thru-Hike auf dem Te Araroa hatte ich alles dabei: Einen Kindle, einen Mp3-Player, eine extra Kamera und sogar einen Laptop, da ich mir eingebildet habe zwischendurch arbeiten zu können. Spoiler-Alert: All das habe ich nicht gebraucht. Investiert lieber in ein gutes Smartphone, das hervorragende Bildqualität liefert und einen guten Akku-Verbrauch hat. Dazu eine Powerbank und ihr seid mit Elektronik gut versorgt.

Das Smartphone ist ein Alleskönner, was es zu einem der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände macht

4. Sonnenschirm
Das nächste, das ich in den Hikerboxen auf dem PCT häufig gesehen habe, waren Sonnenschirme. Klar, die Hitze der Wüste kann brutal sein, aber ich habe so gut wie keinen den mitgeschleppten Sonnenschirm wirklich nutzen sehen. Früher oder später werden sie alle zurück gelassen. Investiert lieber in einen Hut und bei höherer Sonnenempfindlichkeit einen Sun-Hoodie, der eure Haut und euren Nacken bedeckt.

5. Körperpflegeprodukte
Ihr werdet so oder so stinken, daher braucht ihr kein Deo. Jegliche Seifen können in der Natur ohnehin nicht verwendet werden, egal ob biologisch abbaubar draufstehen mag oder nicht. Es gilt keinerlei Seifen in Gewässer einzubringen. Und in den Städten wird in den Unterkünften meist Shampoo und Duschgel bereit gestellt. In den USA sowieso, sogar mit Handtüchern, denn in den USA gibt es nur sehr wenige Hostels. Hier könnt ihr euch ein Handtuch also auch sparen.

6. Kochutensilien
Wenn es um Kochutensilien geht, braucht es genau genommen nur eins wirklich: Ein Löffel. Denn mit der Cold-Soaking-Methode (das Einweichen eures Essen in Wassers bis es genießbar ist) bräuchtet ihr nicht mal einen Topf, Gaskartusche und Kocher. Ich verstehe jedoch, dass Cold-Soaking gerade zu Anfang doch etwas einschüchternd und wenig erstrebenswert wirken kann. Probiert es in den wärmeren Monaten jedoch ruhig mal aus. Vielleicht werdet ihr überrascht sein. Ansonsten reicht aber ein einziger Topf als Kochgeschirr vollkommen aus, der genauso gut als Tasse verwendet werden kann, wenn sie denn wirklich gebraucht wird. Schüsseln braucht es ohnehin nicht, direkt aus dem Topf zu essen ist viel einfacher. Pro-Tipp, wenn ihr auf Abwasch verzichten wollt: Nur Wasser kochen und dieses dann zusammen mit eurem Essen in einen Ziplock Beutel schütten. Achtet dafür nur darauf, dass das Wasser nicht mehr kochend heiß ist.

Mit Cold-Soaking braucht ihr nicht mal mehr Kochgeschirr

7. Schwere oder billige Ausrüstung
Bei Zelt, Schuhen, Schlafsack und Rucksack rate ich dazu, nicht den Sparfuchs zu spielen. Schlecht sitzende und früh auseinander fallende Schuhe oder Rucksäcke sind wirklich nicht für tägliches intensives Wandern geeignet. Bedenkt, dass eure Ausrüstung im Idealfall viele tausend Kilometer halten soll. Und was Zelt und Schlafsack angeht hat ein vernünftiges Gewichts-Funktionalitäts-Ratio eben seinen Preis und bei dieser Ausrüstung lässt sich generell die größte Gewichtsersparnis erzielen. Investiert hier lieber großzügiger und spart dann zum Beispiel bei Kleidung. Ich trage sehr viel Kleidung von Decathlon, die den gesamten PCT problemlos überstanden hat.

Meine Ausrüstung auf dem Te Araroa war mit 10 kg Base Weight viel zu schwer, mein Rücken hat ganz schön gelitten

8. Waffen, Äxte, Macheten, Messer
Es fühlt sich etwas seltsam an, dass überhaupt schreiben zu müssen, aber gerade in den USA wird man doch öfter mal danach gefragt ob man als Thru-Hiker denn eine Waffe trüge. Nicht nur, dass das ziemlich sinnlos wäre, es wäre auch unnötiges Gewicht, das jeder Thru-Hiker vermeidet, wo es nur geht. Potentielle Kriminelle werden nicht stundenlang mitten ins Nirgendwo wandern um dort auf jemanden zu warten. Tierattacken sind äußerst selten. Schwarzbären und europäische Braunbären sind ziemlich harmlos, sie haben mehr Angst vor uns als wir von ihnen und verschwinden schnell wenn man sich laut und deutlich bemerkbar macht. Im Zweifel sind sie eher an eurem Essen interessiert als an euch.

Es bleiben also nur Grizzlies, denen man weder auf dem Pacific Crest Trail (PCT) noch auf dem Appalachian Trail (AT) begegnen wird. Der einzige Trail, den dies betrifft, ist der Continental Divide Trail (CDT). Und falls ein Grizzlybär tatsächlich aufdringlich werden sollte, bezweifele ich, dass man in der Situation in der Lage ist rechtzeitig seine Waffe zu ziehen und einen sauberen Schuss zu platzieren ohne das Tier nur noch wütender zu machen.

Abgesehen davon braucht ihr keine Brushcraft-Ausrüstung wie Äxte um irgendwelches Feuerholz zu schlagen – mal abgesehen davon, dass die Leave No-Trace-Regeln es verbieten irgendwelche lebenden Bäume zu schlagen. Und für rumliegende Äste braucht kein Mensch eine Axt. In den USA sind Feuer sowieso größtenteils untersagt. Große Messer sind auch nutzlos. Ein kleines Taschenmesser oder Opinel genügt vollkommen um hin und wieder Käse oder Wurst zu schneiden und selbst das ist ein paar Gedanken wert, ob ihr es wirklich braucht.

9. Groundsheet
Immer wieder sehe ich Leute Groundsheets für ihre Zelte mitschleppen, was mir bis heute unbegreiflich ist. Ich habe noch nie in meinem Leben ein Groundsheet verwendet und auch nach tausenden von Kilometern noch nie ein Loch im Zeltboden gehabt. Der einzige sinnvolle Gebrauch wäre beim Vorhandensein einer Luft-Isomatte, deren Gebrauch ich aus verschiedenen Gründen bisher verweigert habe. Die meisten anderen Thru-Hiker nutzen jedoch eine und gerade in Kombination mit Cowboy-Camping (das Schlafen ohne Zelt unter freiem Himmel) braucht es dafür dann doch eine Unterlage um Löcher zu vermeiden. Hier empfehle ich aber eher eine dünne Isomatte als Unterlage. Diese eignet sich dann auch als Sitzgelegenheit bei Pausen und am Abend. Denn ich habe gelernt, dass Luft-Isomatten sich nicht zum Sitzen eignen, nur zum Liegen. Ansonsten hat man schneller Löcher drin als man gucken kann.

Die psychologische Hürde und Tipps für den mentalen Umschwung

Der schwierigste Teil ist vielleicht nicht das physische Gewicht, sondern die psychologische Hürde, sich von Dingen zu trennen, die uns ein Gefühl der Sicherheit geben. Don’t pack your fears, wie Thru-Hiker so schön sagen. Ich ich verspreche euch: Die Freiheit, die ihr gewinnt, indem ihr lernt, mit weniger auszukommen, ist unvergleichlich.

  • Reflektiert, bevor ihr packt: Stellt euch bei jedem Gegenstand die Frage: Brauche ich das wirklich oder ist es nur ein Sicherheitsnetz?
  • Hört auf erfahrene Wanderer: Auch wenn ihr denkt, dass ihr es besser wisst – manchmal lohnt es sich, auf diejenigen zu hören, die schon vor euch da waren.
  • Erlaubt euch, zu lernen: Es ist okay, Fehler zu machen. Das Wichtigste ist, daraus zu lernen und sich anzupassen.

Euer Rucksack ist ein Symbol für eure Reise – sowohl physisch als auch metaphorisch. Euer Leben wird sich auf das Wesentliche konzentrieren: Wandern, Essen, Schlafen. Jedes überflüssige Gramm, das ihr zu Hause lasst, macht euren Schritt leichter und euer Herz freier. Ihr werdet feststellen, dass die schönsten Momente auf dem Trail die sind, die kein Gewicht haben: die unerwarteten Begegnungen, die atemberaubenden Aussichten, das Gefühl der Freiheit. Und ihr werdet erleben wie bisher als selbstverständlich betrachtete Dinge zu etwas ganz besonderem werden: eine frische Mahlzeit, ein Bett, eine Dusche.. Es geht nicht darum, auf alles zu verzichten, sondern zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Fazit

Jeder muss seine eigene Mischung aus Gewichtsersparnis, Komfort und Budget finden. Ich werde niemanden für seine Auswahl verurteilen, ich teile hier nur meine Erfahrungen. Die Entscheidung trefft ihr selbst und es ist auch nicht in Stein gemeißelt, dass ihr eure Ausrüstung bis zum Ende des Thru-Hikes mit euch rumschleppen müsst. Ausrüstung kann per Post voraus geschickt oder unterwegs ausgetauscht werden, überhaupt kein Problem. Probiert aus was für euch tatsächlich essentiell ist und was ihr problemlos zurücklassen könnt um euch das Thru-Hiking-Leben im wahrsten Sinne des Wortes zu erleichtern. Aber ich werde mir ein „Ich hab’s euch ja gesagt“ sicher nicht verkneifen können. Und denkt immer daran, dass jedes gesparte Gramm bedeutet mehr Essen mitnehmen zu können :)

Lasst uns gemeinsam den Mut finden, mit weniger zu wandern und mehr zu erleben. Ich lade euch ein, eure Erfahrungen, Gedanken und die „unverzichtbaren“ Gegenstände, die ihr letztendlich doch zurückgelassen habt, in den Kommentaren zu teilen. Lasst uns voneinander lernen und die Gemeinschaft der minimalistischen Fernwanderer stärken.

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