Weißkugel: Erste Skihochtour gerockt!

Posted: 6. April 2014

Meine erste Ski­hoch­tour soll auf die 3.738m hohe Weißkugel führen, dem drit­thöch­sten Berg Öster­re­ichs. Der Weg dor­thin ver­läuft dur­chaus anspruchsvoll über Gletsch­er, steile Firn­hänge und schlussendlich über einen alpinen aus­ge­set­zen Grat. Der land­schaftliche Reiz der Tour und die Aus­sicht von diesem alles über­ra­gen­den Gipfel ist es jedoch abso­lut wert.

Wir brechen Sam­stag­mor­gen nach Vent in den Ötz­taler Alpen auf. Unser Ziel: Die Weißkugel auf 3.738m. Wir parken ober­halb von Vent auf 2.000m Höhe bei den Rofen­höfen und begeben uns von da an dezent bergauf bis zum Hochjochhos­piz auf 2.412m, dem Ziel des heuti­gen Tages. Zuerst kön­nen wir noch mit den Skiern steigen, aber schon bald schum­meln sich Tragestreck­en in den Auf­stieg, wo es kein Schnee gibt. Wir gelan­gen an eine steile Fel­swand unter­halb der nor­maler­weise ein mit Draht­seilen ver­sichert­er Weg ent­lang führt. Heute liegt hier jedoch Schnee, das Draht­seil unter sich begrabend, die Ski­er müssen auf den Ruck­sack mon­tiert wer­den und wir gehen vor­sichtig an der Fel­swand ent­lang. Hier möchte man lieber nicht abrutschen.

Denn etwa 150m unter uns rauscht ein Bach durch eine tiefe Schlucht. Über­all ragen Eiszapfen an den Felsen nach unten sowie einge­frorene Wasser­fälle — ein wun­der­schön­er Anblick. Die Fel­swand ist schnell gemeis­tert, dann fol­gt noch ein län­geres Stück Tra­gen auf schneefreiem Weg an der Fel­swand ent­lang bis wir zu ein­er Hänge­brücke gelan­gen auf dessen ander­er Seite wieder für eine Weile mit Skiern gestiegen wer­den kann. Immer wieder wird der Anstieg durch Tragestreck­en durch­brochen, kurz vor der Hütte geht es nochmal ein Stück steil­er bergauf, über den let­zten Teil muss getra­gen wer­den. Durch die Tragestellen und das ständi­ge auf- und abmon­tieren haben wir für den Zustieg 3h gebraucht, obwohl es nor­maler­weise nur 2h dauert. Glück­licher­weise war es nicht allzu warm, da die Sonne sich hin­ter Wolken ver­steckt hält.

Wir stellen unsere Ski­er weg, unsere Sachen in den Trock­en­raum und leg­en uns erst­mal ein Stünd­chen schlafen, gön­nen uns dann ein mit­ge­bracht­es Radler und gehen dann zum Aben­dessen nach unten in die Gast­stube. Her­vor­ra­gen­des Essen beste­hend aus Knoblauchcreme­suppe, Rinder­brat­en, Spinat und Nudeln sowie eine Art Apfelkipferl mit Vanille­sauce  zum Dessert, nom nom. Kuli­nar­isch gese­hen ist die Hütte schon­mal top! Der Nebel senkt sich über das Tal und die Däm­merung ver­schluckt die Berge ring­sherum.

Ich wieder­hole noch ein­mal die Gletscher­ber­gung im Geiste und bin schon schreck­lich aufgeregt. Sich­er bin ich mir nicht, ob ich den Gipfel erre­iche. Immer­hin ist das die schw­er­ste Ski­tour, die ich bish­er angestrebt habe, sowohl tech­nisch als auch von den Höhen­metern her.

Die Tour ist mit 11km Anstieg auch sehr lang und Aus­dauer ist wichtig. So richtig fit wie vor mein­er Krankheit bin ich auch noch nicht. Ich wollte mir die Gele­gen­heit aber auf keinen Fall ent­ge­hen lassen. Dass ein erfahren­er Ski­hoch­tourenge­her einen Anfänger mit­nehmen mag, kommt schließlich nicht alle Tage vor. Vor lauter Aufre­gung brauche ich etwas länger bis ich eingeschlafen bin.

Auf dem langen Weg zur Weißkugel

Um 6 Uhr mor­gens klin­gelt der Weck­er. Wir pack­en zusam­men, gehen früh­stück­en und bere­it­en uns auf unsere Tour vor. Ein paar der mit­ge­bracht­en Sachen lassen wir auf der Hütte um sie nicht mit hin­auf­schlep­pen zu müssen. Dafür müssen wir nach­her nochmal einen kleinen Umweg wieder hier her machen. Die Weißkugel ist ein beliebtes Ziel und kann auch von der Schö­nen Aus­sicht Hütte, vom Teufelsegg oder vom Schnal­stal aus bestiegen wer­den. Der Auf­stieg vom Hochjochhos­piz ist zwar der läng­ste, aber der ein­fach­ste, da er nicht so steil ist. Auch von dieser Hütte sind viele Leute unter­wegs.

Wir sind nicht die ersten, die starten, über­holen aber bald die ersten kleinen Grup­pen. Zuerst geht es auf gle­ich­er Höhe von der Hütte auf einem schneefreien Weg, wo wir die Ski­er auf dem Rück­en tra­gen, bis wir ein Stück hin­unter rutschen kön­nen. Wir gehen dann durch die Schlucht teilein­wärts bis zum Hin­tere­is­fern­er. Gemütlich geht es die ersten 4km mit kaum merk­lichen Anstieg voran. Die anfänglich tief hän­gen­den Wolken von heute mor­gen klaren immer mehr auf, der Him­mel wird blau und schon bald wolken­frei. Per­fek­te Bedin­gun­gen!

Schon bald erre­ichen wir die Aus­läufer des Gletsch­ers und betreten ihn fast unge­merkt. Es liegt genug Schnee, sodass alle Spal­ten geschlossen sind. Schon der Wirt sagte uns, dass wir keine Prob­leme haben dürften, da genug Schnee liegt. Wir beschließen deshalb nicht in der Seilschaft zu gehen, was zu zweit sowieso eine etwas kom­plexe Sache ist, da die Gefahr beste­ht, sich gegen­seit­ig abwärts zu ziehen. Die Wahrschein­lichkeit, dass aus­gerech­net wir ein­brechen, ist jedoch sehr ger­ing. Es ist gut gespurt und all die anderen gehen auch ohne Seil. Deut­lich weit­er vor uns befind­en sich sog­ar zwei große Grup­pen aus bes­timmt 10–15 Leuten. Es geht über den flachen Gletsch­er über welliges Gelände bis zu den ersten steil­eren Par­tien.

Ab 3.000m merke ich deut­lich, wie mir die Höhe zu schaf­fen macht, vor allem was die Atmung bet­rifft. Ich keuche schon deut­lich mehr und bin recht langsam, ver­suche aber ein kon­stantes Tem­po beizube­hal­ten. Ich habe mir vorgenom­men, immer vor der let­zten Dreier­gruppe, die wir über­holt haben, zu bleiben. Das klappt sehr gut, bis wir durch eine Art “Durch­schlupf” unter­halb ein­er gewalti­gen Wechte und hin­aus auf die Süd­schul­ter bis zum Gra­trück­en gelan­gen. Dieses let­zte Stück ist unglaublich steil. Bish­er war es ein­fach­er als gedacht, nicht ein­mal Spitzkehren­gelände, nur die Höhe macht mir zu schaf­fen. Nun aber geht es so steil wie ich es noch nie zuvor erlebt habe, bergauf.

Letzter Hang zum Skidepot

Zu Anfang komme ich noch gut klar mit den Spitzkehren und dem steilen Hang. Die Dreier­gruppe erweist sich als eine franzö­sis­che Truppe und der erste von ihnen sagt, ich solle ihm ein­fach fol­gen. Dann aber wird es schw­er­er, es gibt auch keine Spur mehr, da die hin­unter kom­menden Ski­fahrer den Schnee im steilen Gelände immer wieder run­ter­schieben und die Spuren verdeck­en. Kurz­er­hand hole ich meine Harscheisen aus dem Ruck­sack, suche mir dann eine weniger steile Stelle um wieder auf die Ski­er zu kom­men und dann klappt es auch bei mir gut.

Ich gelange auf den Gra­trück­en, wo mein Touren­part­ner auf mich wartet und nun müssen die let­zten 150 Höhen­meter zum Skide­pot bewältigt wer­den. Es ist über­haupt nicht steil, aber ich schnaufe wie ein Wal­ross und pfeife aus dem let­zten Loch. Die ganze Zeit treibe ich mich selb­st an und muss aber immer wieder kurz ste­hen bleiben um Luft zu holen. Die Höhe auf 3.600m macht mir sehr zu schaf­fen, so hoch war ich immer­hin noch nie zuvor aus eigen­er Kraft.

Dann sehe ich das Skide­pot und freue mich unbändig es geschafft zu haben. Erst­mal gibt’s eine Teep­ause, dann schnallen wir uns die Steigeisen an und bere­it­en uns für den let­zten Ritt zum Haupt­gipfel vor.

Gipfelsturm

In leichter Klet­terei geht es über zwei Fel­sköpfe, dann über eine sehr schmale Firm­schnei­de hinüber zum Haupt­gipfel, wo es nochmal ein let­ztes Stück zu klet­tern gilt. Das klappt alles super, wir haben ein Seil dabei, aber Anseilen ist nicht nötig. An den meis­ten Stellen gibt es Schneefleck­en, wo die Steigeisen gut greifen kön­nen.

Nur ein paar Stellen sind fel­sig, aber auch das ist kein Prob­lem. Am Anfang hat noch eine Gruppe ein Fix­seil ges­pan­nt wo ich mich aus Vor­sicht noch ein­hänge, dann aber bauen sie das Seil ab und ich gehe ohne weit­er, was kein Prob­lem ist. Ich komme gut mit den Steigeisen zurecht und füh­le mich damit rel­a­tiv sich­er. Sie graben sich super in den Schnee und ich mache vor allem auf dem Firn­grat kleine, bedachte Schritte, um mich nicht in meinen eige­nen Eisen zu ver­hed­dern. Rechts und links geht es steil bergab, wer hier abrutscht oder fällt, ist hinüber. Also lieber etwas langsamer gehen. Glück­lich erre­ichen wir das Gipfelkreuz.

Als wir uns an die Klet­terei macht­en, lag tiefer Nebel über dem Gipfel, aber sobald wir oben sind, klart es immer mehr auf. Wahnsinn! Die Aus­sicht so hoch oben, auf 3.738m, und auch meine Leis­tung, auf die ich unglaublich stolz bin. Wir ste­hen lange hier oben und schauen in alle Rich­tun­gen, der Nebel gibt immer mehr von den umliegen­den Bergen und Gletsch­ern frei. Wir überblick­en das ganze Ötz­tal und die Gletsch­er, machen Fotos und freuen uns.

 

Abstieg zum Hochjochhospiz

Dann machen wir uns an den Abstieg und auch dieser ist ohne Prob­leme bewältigt. Unten gibt es dann die wohlver­di­ente Brotzeit, bevor wir uns auf die Abfahrt begeben. Dies geht dann sehr flott, auch wenn sich auch hier die Höhe in mein­er Atmung nieder­schlägt. Mit jedem fal­l­en­den Höhen­meter geht es jedoch leichter und schwup­pdiewup­ps sind wir wieder unten. Kaum zu glauben, wir haben 6h bis auf den Gipfel gebraucht und ich habe mir jeden Höhen­meter hart erkämpft, und nun ist man so schnell wieder unten. Wir beschließen uns den Auf­stieg von 150hm zu sparen und den Weg zur Hütte zu nehmen, den wir gekom­men sind.

Allerd­ings find­en wir nicht sofort den Weg, sind zu weit runter gefahren und müssen hier trotz­dem nochmal mit den Skiern auf dem Rück­en etwa 100hm hin­auf, da wir unsere Sachen von der Hütte holen müssen. Anson­sten kann man noch ein Stückchen weit­er immer am Bach ent­lang abfahren. Durch diese Episode brauchen wir ins­ge­samt 1,5h bis zur Hütte, was jedoch nichts im Ver­gle­ich zu 6h Auf­stieg sind. An der Hütte ruft unser zweites Radler schon ganz laut nach uns und wir geben uns ihm hin. Ich bin unglaublich durstig, schon kurz vor Ende es Auf­stiegs ging mir das Wass­er aus und wir hat­ten nur noch Tee bis zum Gipfel. Die let­zten Meter zurück zur Hütte waren wir dann ganz schön durstig. Nach 20 Minuten machen wir uns dann auf den let­zten Abstieg zurück zum Auto.

Rückweg ins Tal

Dies erweist sich als sehr enervierend. Die vie­len Tragestreck­en fall­en heute umso mehr ins Gewicht, da die Sonne eini­gen Schnee weggeschmolzen hat und außer­dem die kurzen Fahrten, die wir machen kön­nen, umso kürz­er erscheinen, da man diese recht schnell abge­fahren ist im Ver­gle­ich zu einem Auf­stieg. Immer und immer wieder müssen wir abschnallen, tra­gen — die kurzen Strecke auf der Schul­ter, die län­geren auf dem Ruck­sack. Ich packe mich auch ein paar Mal hin, in dem schw­eren nassen Schnee ist es gar nicht so ein­fach zu fahren.

Ein­mal stürze ich so ungün­stig, indem ich irgend­wo steck­en­bleibe oder vielle­icht war da auch ein Stein, dass ich mit dem Gesicht voran in den Schnee falle. Ich schwöre — man kon­nte meinen Gesichtsab­druck im Schnee sehen. Dann rutsche ich noch ein­mal am Ende eines Schneefelds aus, über das ich meine Ski­er getra­gen habe, und knalle mit meinem Knie auf einen Stein. Ich denke mir nichts weit­er dabei, tat halt weh, und gehe weit­er. Irgend­wann merke ich es feucht an meinem Knie wer­den und merke erst, dass es ordentlich blutet und ver­arzte mein Knie. Da mache ich die krass­es­ten Sachen mit Steigeisen über den aus­ge­set­zten Grat und kurz vorm Ziel ver­let­zte ich mich dann, her­rje.

Etwa auf der Hälfte hab ich auch ganz schön die Schnau­ze voll und bin sehr froh als endlich die Rofen­höfe in Sicht kom­men. Heute Nacht kann ich gut schlafen! Ich bin erschöpft, aber sehr glück­lich! Ein gutes Gefühl. Ein biss­chen Son­nen­brand habe ich mir aber doch im Gesicht und Dekol­leté geholt und zwei Blasen an den Füßen kün­den von der Anstren­gung. Das war es sowas von wert!


FAKTEN ZUR TOUR
Ski­hoch­tour auf die Weißkugel (3.738m) über Hochjochhos­piz
Gehzeit: 7–7,5h
Höhen­meter: 1.870m
Expo­si­tion: Süd, Ost bis Nor­dost
Law­inenge­fahr: Bei viel Schnee und tageszeitlich­er Erwär­mung law­inenge­fährdet
Aus­gangspunkt: Roten­höfe (2.011m) bei Vent
Schwierigkeit: Mit­telschw­er (Gratüber­gang zum Gipfel schw­er)
Beste Jahreszeit: März bis Anfang Mai

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